Die Grippe-Pandemie von 1918/1919

Leitender Medizinaldirektor Dr. Klaus A.E. Weber

 

Die "Spanische Grippe" mit klinisch schwerem Verlauf

Nach Angaben des Sozialhistorikers VASOLD [2] forderte die durch Tröpfchen (aerogen) übertragene, in Wellen verlaufende Influenza-Pandemie von 1918 innerhalb weniger Monate mehr Menschenopfer als der gesamte Erste Weltkrieg (1914-1918):

25-40 Millionen Todesfälle weltweit.

Wie für die übrigen kriegsführenden Staaten, so war auch für das Deutsche Kaiserreich diese hochansteckungsfähige Grippewelle ein erheblicher sozialgeschichtlicher Einschnitt.

Bereits im April 1918 grassierte die Influenza auch unter den deutschen Soldaten an der Westfront.

Wenige Wochen später, im warmen Monat Juli 1918, litten fast 400.000 Soldaten im deutschen Westheer an der echten Grippe, die von da an seuchenartig als Explosivepidemie in das Innere des Deutschen Kaiserreiches vordrang, vornehmlich in die Großstädte.

Eine zweite „bösartigere“ Grippe-Welle setzte Anfang Oktober 1918 ein und dauerte bis 1919 fort.

Etwa 24,8 Promille der deutschen Zivilbevölkerung soll 1918 an der Influenza verstorben sein, insgesamt geschätzt etwa 10 Millionen Menschen.[1]

Hierbei handelte es sich um die so genannte Spanische Grippe, die unter epidemiologischen Gesichtspunkten in Wahrheit allerdings eine rein US-amerikanisch verursachte Grippe-Epidemie war.

Hier galt offensichtlich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts das heutige US-amerikanische Prinzip der „alternativen Fakten“ – 2017 zum Unwort des Jahres gewählt.

Das erste Opfer in Kriegszeiten ist eben immer zu allererst die Wahrheit.

Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg schleppten infizierte US-amerikanische Truppentransporte die außergewöhnliche, von einem aggressiven Krankheitsverlauf gekennzeichnete Influenza nach Frankreich und damit nach Europa ein.

So sind für Anfang April 1918 Grippeerkrankungen aus der französischen Hafenstadt Brest belegt.

Ausgehend von den USA war die äußerst aggressive Grippe-Pandemie zwischen 1918 und 1920 durch einen ungewöhnlich virulenten Subtyp des Influenzavirus verursacht worden.

Die Pandemie forderte in mehreren Wellenverläufen weltweit rund 50 Millionen Todesopfer.

Es waren somit weitaus mehr Todesopfer zu verzeichnen als jene, die die hochimperialistischen Kriegshandlungen im gesamten Ersten Weltkrieg forderten.

Inwieweit die Einwohner der hier betrachteten drei Dörfer von der schweren Influenza-Pandemie betroffen waren, konnte zum jetzigen Untersuchungszeitpunkt nicht festgestellt werden.

Obgleich aus epidemiologischen Gründen Influenza-Todesfälle in Heinade, Hellental und Merxhausen zu erwarten gewesen wären, wurde bei den Todesursachenfeststellungen in den herangezogenen Kirchenbüchern kein Grippe-Sterbefall für den Zeitraum 1918/1919 dokumentiert.

 



[1] VASOLD 2005.

[2] VASOLD 1991, S. 270 ff.

[3] SALFELLNER 2018.