Mittelalterliche Gesellschaft der gegenseitigen sozialen Abhängigkeit im hölzernen Zeitalter

Klaus A.E. Weber

 

Das Mittelalter war nicht dunkel - vielmehr ist unser unsere Kenntnislage darüber finster.

 

Abbildung in LESSMANN 1984 [9]

 

Geschichtswissenschaftlich allgemein akzeptierte Zeittafel [4]

  • Frühmittelalter 5.-10. Jahrhundert
  • Hochmittelalter 11.-13. Jahrhundert
  • Spätmittelalter 14./15. Jahrhundert
  • Frühe Neuzeit 16.-18. Jahrhundert

 

Die bewegte frühmittelalterliche Zeit von der Spätantike bis zur Karolingerzeit (ca. 300-800 n. Chr.) war von einem Spannungfeld zwischen dem Imperium Romanum und neu entstehenden germanischen Königtümern, zwischen heidnischen Bräuchen und aufkommendem Christentum, zwischen romanischen, germanischen und vorderasiatischen Eliten der Völkerwanderung geprägt.

Der rund 900- bis 1.000-jährige historische Zeitabschnitt des Mittelalters währte etwa von 500-1550 n. Chr.

Das "hölzerne Zeitalter" wurde während des Hoch- bis Spätmittelalters maßgeblich geprägt von

  • Höfen

  • Weilern

  • Dörfern

  • Märkten

  • aufkommenden Städten

  • bemannten Burgen als Wehr- & Wohnbauten

  • Klöstern.

Dabei gelten die Burgen - Festung, Wohnung, Rittersitz - als Machtzentren der mittelalterlichen Gesellschaft und zugleich auch als Symbol einer vergangenen Macht.

Städtewappen wurden zum Zeichen herrschaftlicher Stadtgründungen.

In der Zeit mittelalterlicher Blüte erfolgte im 12./13. Jahrhundert der epochale Aufbruch in die Gotik.

 

Regionale Symbole des Mittelalters: Die dynastischen Höhenburgen Großer und Kleiner Everstein

 

So waren hier regionalhistorisch die beiden Dynastenburgen "Kleiner Everstein" (um 1100-1284 mit ehemaligem Kirchdorf Dune) und "Großer Everstein" (um 1170 errichtet mit Burgflecken) auf Felskuppen des Burgbergs sowie die um 1129 errichtete "Homburg" bei Stadtoldendorf machtpolitische Zentren der hoch- bis spätmittelalterlichen Gesellschaft (heute Burgruinen).

Deren gesellschaftliches Fundament bildete mit rund 80-90 % der Bevölkerung die im Schatten der Burg zumeist in kleineren Gehöften lebenden Bauern.

Streng orientiert am Zyklus der Jahreszeiten betrieben sie eine einfache Landwirtschaft mit hohem körperlichem Einsatz und mit einfachster technischer Ausstattung.

Mit bescheidenen Erträgen wurde zumeist Obst, Gemüse und Getreide angebaut, wobei der Roggen- und Dinkelanbau dominerte.

Im Schutz gegen Treue und Abgaben unterstanden die Bauern - in einem recht komplexen wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis - einem Ritter (Adel), dieser wiederum dem Klerus (Geistlichkeit) und dieser einem Fürsten oder König.

Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].

Während des Wachstums der spätmittelalterlichen Exklave "Grafschaft Dassel" des Bistums Hildesheim kommen durch Zuwendungen von Erich des Jüngeren, der Bruder des Bischofs, 1356 Waldbesitz und Weiderechte zu Dassel, später ergänzt durch einen Pfandvertrag mit Ludolph von Oldershausen von 1472 zeitweise auch die Allodien Heinade und Merxhausen.[12]

 

Stadtwüstung Nienover im Solling - Kleinere Stadt des 13. Jahrhunderts │ Gräfliche Residenz der Stauferzeit

 


Rekonstruktion eines Mittelalterhauses der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts 

Nienover Stadthaus um 1230 - kleiner, virtueller Rundgang [8]

 

Agrargesellschaft: Arbeitende ⎸Betende ⎸Kämpfende

Die Landwirtschaft bildete die Grundlage für die mittelalterliche Gesellschaft, anhaltend bis zur frühen Neuzeit.[5]

Die von wirtschaftlichen Wechsellagen, von Konjunkturen und Krisen gekennzeichnete Landwirtschaft hat in etwa 800 Jahren auch die Landschaft der hier betrachteten Dorfregion Heinade-Hellental-Merxhausen „immer neu und anders umgestaltet“.[1]

Das soziale wie ökonomische Wirken und Geschehen der Landwirtschaft wurde maßgeblich von der Vererbungsweise landwirtschaftlicher Besitzungen bestimmt.[2]

In den Dörfern des nordwestdeutschen Raumes hatte sich seit dem Spätmittelalter eine bewährte und weiterentwickelte Form der Agrarverfassung bzw. eine spezifische Lebens- und Wirtschaftsform heraus geformt („Grundherrschaft“, „Meierrecht“), die erst durch die durchgreifende Reformen des 19. Jahrhunderts allmählich abgelöst wurden.

Die Bauern waren zunächst über viele Jahrhunderte hinweg in ihrer selbständigen Wirtschaftsführung erheblich eingeschränkt, indem sie durch das Meierrecht an den Grundherrn gebunden und ihre Höfe mit verschiedenen Abgaben sowie mit Hand- und Spanndienste belastet waren.

Entgegen des großen „Bauernkrieges“ von 1524/1525 in Süd- und Mitteldeutschland entluden sich in Norddeutschland die aufkeimenden Spannungen zwischen den Meiern und Kötnern einerseits und den Grundherren und dem Landesherrn andererseits auf Grund anderer Binnenverhältnisse nicht.

Vom Mittelalter bis zum Beginn der „industriellen Revolution“ war im niedersächsischen Raum zumindest 80 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft oder in der Verarbeitung ihrer Produkte tätig, denn die wichtigste verfügbare Subsistenzgrundlage war der landwirtschaftlich bearbeitbare Boden.

Es bestand eine agrarische Gesellschaft, durch deren Feudalordnung die Herrschaft hauptsächlich an das Land und die hierauf tätige Landbevölkerung gebunden war.

Bäuerlich besiedelte Gebiete lagen im Mittelalter gleichsam wie Inseln in der Landschaft, nur verbunden über breitere Siedlungsstreifen.

Diese mittelalterliche Besiedlungsform kann wahrscheinlich auch auf die agrarischen Dörfer zwischen dem nördlichen Sollingrand und dem Holzberg übertragen werden, auf Heinade und Merxhausen.

Die wichtigsten Bewirtschafter des herrschaftlichen Landes waren fronpflichtige Latenbauern (Halbfreie, Hörige), „die 3 - 4 Morgen (weniger als 1 ha) Salland gegen eine Naturalversorgung zu bestellen und Transportdienste zu leisten hatten, aber auch völlig frei von Dienstpflichten wirtschaften konnten und primär Naturalrenten lieferten“.[3]

Dabei war die dem Hof ("curia") zugeordnete Hufe ("mansus") die Basis für eine vollwertige bäuerliche Existenz.

Für eine sechsköpfige Bauernfamilie dürften überschlägig 2,5 - 4,5 ha Ackerland ausgereicht haben, „wenn zugleich Milch- und Schlachtvieh ohne Getreidefütterung gehalten wurde“.

Wie HAUPTMEYER [3] des Weiteren ausführt, eigneten sich die Grundherren „die über die Subsistenz hinaus gehende bäuerliche Mehrarbeit in Form von Diensten direkt oder in Form von landwirtschaftlichem Mehrprodukt indirekt mit Hilfe von z.T. außerökonomischen Zwangsmitteln an. Geld-, Produkt- und Arbeitsrenten waren die ökonomische Basis des Herrenlebens und die Grundlage der politischen Ordnung.“

Auch in Heinade und Merxhausen wurden im Mittelalter die saisonalen Lebenszyklen der bäuerlichen Bevölkerung vom landwirtschaftlichen Jahresablauf bestimmt.

So bestellten sesshafte Bauern vom März - Oktober ihre Felder und kümmerten sich im Winter um Haus und Hof.

Hochzeiten erfolgten nach der Ernte und Geburten im Spätfrühjahr.

Die alltägliche Ernährung orientierte sich im Jahresgang an der Pflanzenreife oder den Einstallungen für das Vieh.

Dabei ernährten sich die Menschen hauptsächlich von Getreideprodukten; der Anbau einfacher Roggensorten lieferte das tägliche Grundnahrungsmittel.

Neben ihrem Herren, der als berittener Krieger das bäuerliche Land verteidigen konnte, waren von den Bauern mit ihren landwirtschaftlichen Erträgen auch Bischöfe, Mönche und Priester zu ernähren und ggf. auch mit Holz zum Bauen und Brennen versorgen.

Sie trugen gemeinsam dazu bei, dass Bauern immer mehr in Abhängigkeit gelangten, mehr Dienste und Abgaben zu leisten hatten und somit letztlich unfrei ("servi") wurden.[7]

 

Kaiserpfalz Paderborn & Der Hohe Dom zu Paderborn

LWL-Museum in der Kaiserpfalz Paderborn │ Diözesanmuseum Paderborn - Welt des Mittelalters

In der Pfalz aus dem späten 8. Jahrhundert, errichtet um 776/777 während der Sachsenkriege, empfing Karl der Große (Carolus Magnus, 747/748 - 814) als Kaiser und König des Fränkischen Reichs im Frühmittelalter hohe Gäste.

Im Hochmittelalter residierte in der vom Paderborner Bischof Meinwerk (1009-1036) errichteten Anlage aus dem 11. Jahrhundert auch sein Nachfolger Heinrich II.

 

Teilrekontruktion der frühstädtischen wikingerzeitlichen Siedlung Haithabu, 9.-11. Jahrhundert

Wikinger Museum Haithabu

 

Die frühmittelalterliche "Wikingerzeit"

Zwischen der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts bis Anfang des 11. Jahrhunderts beherrschten Nordeuropa die „Nordmänner“ - die Wikinger.

Zu ihren bedeutendsten frühmittelalterlichen Siedlungen und Handelszentren zählte einst Haithabu am westlichen Ende des Ostsee-Seitenarms Schlei (Haddeby bei Schleswig).

Spätestens um 770 von dänischen Wikingern bzw. schwedischen Warängern gegründet, war Haithabu ein Hauptumschlagsplatz für den Handel zwischen Skandinavien, Westeuropa, Nordseeregion und Baltikum.

Auch die Herstellung und Bearbeitung von Glas hatte für die frühstädtische Siedlung Haithabu (9.-11. Jahrhundert) eine besondere Bedeutung als nordeuropäischer Handelsort.

"Faszination Haithabu – Faszination Wikinger": Das Wikinger Museum Haithabu vor den Toren Schleswigs ist mit seinen "Wikinger Häusern" eines der bedeutendsten archäologischen Museen Deutschlands.

Am Rande der ehemaligen Handelsmetropole der Wikinger zeigt die Ausstellung - im historischen Kontext der Zeit vor rund 1000 Jahren - spektakuläre archäologische Funde.

 

Abtei & Altenmünster des Klosters Lorsch - mit Karolingischem Freilichtlabor Lauresham

In karolingischer Zeit von der Familie eines fränkischen Gaugrafen um 764 gegründet, zählte das Kloster Lorsch bis in das Hochmittelalter hinein zu den bedeutensten kulturellen Zentren zur Verbreitung der am Königshof entwickelten Bildungsprogramme.

772 wurde das Kloster an Karl den Großen übertragen, der es unter seinen Schutz stellte.

Das Kloster Lorsch war nun zum Reichskloster aufgestiegen und etablierte sich zu einem Macht-, Geistes- und Kulturzentrum.

Mit seinem Skriptorium und seiner umfangreichen "Bibliotheca Laureshamensis" errang das Kloster eine Spitzenstellung unter den Wissenszentren (Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch).

Als architektonischer Höhepunkt des UNESCO-Welterbes im Landkreis Bergstraße gilt die Königshalle mit ihrer weltberühmten bunten Sandsteinfassade.

Sie zählt zu den wenigen gut erhaltenen Gebäuden aus karolingischer Zeit.

Ortsnah entsteht seit 2012 das "Experimentalarchäologische Freilichtlabor karolingischer Herrenhof Lauresham".

Auf einer Fläche von 4,1 Hektar wird das komplexe, für das Verständnis der frühmittelalterlichen Gesellschaftsstruktur wichtige Thema „Grundherrschaft“ am Beispiel eines idealtypischen Zentralhofes des 8./9. Jahrhunderts erläutert.

Um verschiedene handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeitstechniken zu erproben, wurde ein Forum für die experimentalarchäologische Forschung geschaffen.

 

Der Isenheimer Altar – Einzigartiges Meisterwerk spätgotischer Tafelmalerei

Der im Musée Unterlinden [10] in drei Schauseiten getrennt ausgestellte Polyptychon („Wandelaltar“ - doppeltes Flügelpaar mit drei Bildfolgen und skulptiertem Mittelschrein) stammt aus dem Antoniterkloster in Isenheim im Oberelsass (Département Haut-Rhin).

Die 1512-1516 geschaffenen, monumentalen Tafelbilder gelten als das Hauptwerk des Malers Matthias Grünewald (Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald, 1475/1480-1528).[11]

Dem um 1490 in Straßburg tätigen Holzschnitzer Niklaus von Hagenau (1445-1538) werden die Skulpturen im Altarschrein zugeschrieben.

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



 

Literatur

  • BORST, OTTO: Alltagsleben im Mittelalter. 1. Aufl. Frankfurt a.M. 1983. - Eine umfassende Veröffentlichung zum Leben und Alltag der Menschen im Mittelalter, zur Dumpfheit des mittelalterlichen Dorfes, zur Schinderei einerseits und Vielfalt des bäuerlichen Alltags andererseits bietet das Werk „Alltagsleben im Mittelalter“, worin eine andere Zeit, in der Essen und Trinken, Wohnen und Schlafen noch ohne Schamgrenzen heutiger Zivilisation möglich sind, anschaulich beschrieben wird.
  • KOCH, MICHAEL, ANDREAS KÖNIG, GERHARD STREICH: Höxter. Geschichte einer westfälischen Stadt. Bd. 2. Höxter und Corvey im Spätmittelalter. Paderborn 2015.
  • STEPHAN, HANS-GEORG: Der Solling im Mittelalter. Archäologie, Landschaft, Geschichte im Weser- und Leinebergland, Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, Die Grafen von Dassel und Nienover. Hallesche Beiträge zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Bd. 1. Dormagen 2010.
  • SCHUBERT, ERNST: Essen und Trinken im Mittelalter. 2. Aufl. Darmstadt 2010. - Zur ernüchternden mittelalterlichen Ernährungswirklichkeit mit knappen Lebensmitteln und kargen Speisen und Getränken.



[1] LICHTENHAHN 2005, S. 13.

[2] WÄCHTER 1959, S. 23.

[3] HAUPTMEYER 1995.

[4] BAYERL 2013, S. 10.

[5] Übersicht bei BAYERL 2013, S. 44-56.

[6] STEPHAN, H.-G.: Grundzüge der Siedlungsgeschichte im Oberweserraum. In: KOCH/KÖNIG/STREICH 2015, S. 15-70; STEPHAN 2010.

[7] Exponat in der Dauerausstellung im Museum im Backhaus ⎸Hellental

[8] MICHELS 2006.

[9] LESSMANN 1984, S. 8.

[10] Musée Unterlinden mit seinen enzyklopädischen Sammlungen in Colmar.

[11] FRANK 2018.

[12] KAPPEN 2018, S. 27.