Als der Herzog Unternehmer wurde

Klaus A.E. Weber

 

Ende der Blütezeit „wandernder“ Waldglashütten  

In der Blütezeit der Waldglashütten - während des 16. und 17. Jahrhunderts - führte die zunehmende Nachfrage zur Vergrößerung der Glasproduktionsstätten.

So entstanden meist in Wäldern abgelegene kleine, häufig sozial isolierte Siedlungen auf Zeit mit einem Wohn- und einem Werkbereich - so auch im Hellental.

In der neuzeitlichen Epoche wurde aber die überkommene Methode der Glasproduktion in Wald-/Wanderglashütten wirtschaftlich immer mehr in Zweifel gezogen.

Im 18. Jahrhundert hatte sich die Verwendung von Glas als Werkstoff für Gegenstände des täglichen Bedarfs auch im ländlichen Raum durchgesetzt, einhergehend mit steigender Nachfrage.

Die wachsende Nachfrage nach Glasprodukten konnte durch kleine Wanderhüttenbetriebe nicht mehr befriedigend abgedeckt werden.

Schließlich endete die Blütezeit der „wandernden“ Waldglashütten.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einem deutlich veränderten, technologisch weiterentwickelten Glashüttenwesen, indem ökonomisch auf einen größeren Glaswarenabsatz orientierte, ortsfeste Manufakturen errichtet wurden.[1]

Ohnehin war es die historische Epoche der staatlich geregelten und geförderten Ansiedelung einer bodenständigen Industrie im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, wie auch im Kurfürstentum Hannover.

So wurde folgerichtig im 18. Jahrhundert damit begonnen, größere und dauerhaft ortstabile Hüttenanlagen als Glasmanufakturen („Glasfabriken“) zu errichten, nicht zuletzt auch unter dem volkswirtschaftlichen Aspekt des Widereinbringens der investierten baulichen Finanzmittel.

Im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel entwickelte sich dabei unter dem absolutistischen Herzog Carl I. und seines "allmächtigen" Staatsministers" Berhard Schrader von Schliestedt (1706-1773) die unbeschränkte Herrschaftsform und Wirtschaftsordnung des „Merkantilismus“ zur Mehrung der Landeseinkünfte; die prinzipiellen Voraussetzungen waren seit etwa 1730 gegeben.[8]

Der zwar aufstrebende, aber wenig ökonomisch erfolgreiche Merkantilismus entfaltete sich.[10]

Dabei sollte die Volkswirtschaft des absolutistischen Territorialstaates "zur Beförderung des commerce" eine aktive Handelsbilanz erreichen.

Die am wirtschaftlichen Wohl des Landes und auch wohl vordergründig am Wohl des Hofstaates ausgerichtete Wirtschaftpolitik begann.

 

Anlage gewinnbringender Manufakturen - zur "Beförderung des commerce" im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel

Technische Verbesserungen wie auch die gewachsene Nachfrage nach Manufakturprodukten wurden von den braunschweigschen Herzögen fiskalwirtschaftlich (merkantilistisch) dazu genutzt, das Land Braunschweig mit staatseigenen, gewinnbringenden Manufakturen auszustatten, um letztlich auch ihr Bedürfnis nach höheren Staatseinnahmen befriedigen zu können.

So wurde um die Zeit des staatlichen Erwerbs der Steinbecker Glashütte 1744 von Herzog Carl I. u.a. auch die fürstliche Spiegelhütte "auf dem Grünen Plan" im Ackenhäuser Holz auf dem Grund einer früheren Glashütte errichtet, der ab 1748 eine planmäßige Werkssiedlung für Glasmacher folgte.[3]

Die ab 1736 nach Braunschweig („Graues Hofschloss“, erbaut 1717-1735) verlegte, ständige Residenz war mit der großen, üppig-glanzvollen Hofhaltung (Hofstaat von ca. 400 Personen) und prunkvoller barocker Hofkultur unter Carl I. und seiner preußischen Gemahlin Philippine Charlotte finanziell sehr aufwendig geworden und bedurfte daher fiskalischer Zuflüsse, bei bereits bestehender hoher Schuldenlast.

Der Staat wurde Träger wesentlicher wirtschaftlicher Unternehmen, u.a. mit dem Ziel, einerseits vom Import industrieller Produkte unabhängig zu werden und hierdurch das Geld im eigenen Staat zu binden, andererseits die eigene Exportfähigkeit zu fördern - ganz im Sinne des Merkantilismus.[10]

Wurden bestimmte landesfremde Waren besteuert oder der Import "gemäßigt" (kleinstaatliche Schutzzollpolitik) oder gar untersagt, so wurde der Absatz landeseigener Produkte im Sinne des Merkantilismus nachdrücklich gefördert, in dem sie u.a. in staatlich monopolisierten Betrieben hergestellt wurden.

Aufgrund der Finanzmisere seines Hofes setzte sich Carl I. für die Ansiedlung und Förderung neuer Wirtschaftsbetriebe in seinem Fürstentum ein, eine fiskal- und wirtschaftspolitische Entwicklung mit Konzentration von Fiskalbetrieben auf engem Areal, der möglicherweise auch die abgelegene nicht-staatliche Steinbecker Glashütte im Hellental "zum Opfer" fiel.

Wie BUSCH [7] ausführte, sollte der „fürstliche Gründungseifer“ die „alte Handwerkskunst von neuem erwecken und nach der Unrast des Umherziehens ihre Sesshaftigkeit begründen.“

Um ergiebige Einnahmequellen zu erschließen soll Carl I. „zur Wiederbelebung der Glasmacherkunst“ geschritten sein.

Eine Neugründung herzoglicher Glashütten fällt in die vierziger Jahre des 18. Jahrhunderts.

So wurde 1744 die neue, ortsfeste "Fürstlich-Braunschweigisch-Lüneburgischen Hohl- und Tafelglashütte" am Schorbornsteich eingerichtet - mit späteren Tochtergründungen Pilgrimsteich (1775), Mühlenberg (1783) und Mecklenbruch (1799).[6]

Nach BLOSS soll der braunschweigsche Oberjägermeister v. Langen bei Gründung der Schorborner Glashütte zunächst davon ausgegangen sein, dass für diese "für absehbare Zeit eher ein Überfluß als ein Mangel an Holz für die Glasherstellung zu erwarten gewesen" sei.[2]

Unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten wurde den Glasmachern der Holzbedarf (Bau- und Brennholz) in Klaftern kontrolliert zugemessen und berechnet.

Stationäre Glashütten bestanden aus größeren, festen Steinbauten mit mehreren Ofenanlagen, in denen eine große Anzahl von Glasmachern unter der Leitung des Glasmachermeisters beschäftigt war.

Die Glasmacher, ihre Familien und Gehilfen wohnten entweder in einer nahen Ortschaft oder auf der Glashütte.

Die Anlage von Werkssiedlungen wurde staatlich gefördert, um die Glasmacher an ihren Arbeitsplatz zu binden.

Genau in die Anfangsphase der grundlegenden wirtschaftspolitischen Neuorientierung fallen die Stilllegung und der Verkauf der privaten Glashütte im Hellental.

 

Herzog Carl I. von Braunschweig-Lüneburg ließ im Weserdistrikt 1744 drei Fürstliche (merkantilistische) Glasmanufakturen gründen

Während des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Glashüttenwesen insofern, als technologisch weiterentwickelte und auf einen größeren Glaswarenabsatz ausgelegte, ortsfeste Manufakturen errichtet und vorwiegend landesherrlich betrieben wurden.

In dieser Zeit des grundlegenden ökonomischen und technischen Wandels trat auch das Land Braunschweig unter der langen Regierungszeit von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1713-1780) erstmals als Wirtschaftsförderer und Unternehmer auf.

Fiskalisch bedeutende Wirtschaftszweige - wie gerade die der Glasherstellung - wurden in die landesherrliche Eigenregie als Staatsbetriebe übernommen.

Nach TACKE [19] führte das einseitig ausgerichtete fürstliche Manufakturwesen mit seinem großem Brenn- und Kohlholzbedarf im 18. Jahrhundert zur vorherrschend Gestaltung der Kulturlandschaft.

Zeitnah nebeneinander wurden aus „merkantilistischem Geiste hervorgegangener industrieller Unternehmungen“ unter dem vielseitgen "Landesvater" Herzog Carl I. im Jahr 1744 planmäßig drei fürstliche Glas- und Spiegelhütten im Solling, am Ith und im Hils gegründet.[9][15]

Nach Plänen des Kammerrates Thomas Ziesisch entstanden unter dem vielseitgen "Landesvater" Herzog Carl I. 1744 neue und zudem dauerhaft angelegte Glashüttensiedlungen im ressourcenreichen, aber ökonomisch wie strukturschwachen braunschweigischen Weserdistrikt:

  • im Solling eine „weiße“ Hütte am "Schornborner Teich" (Schorborn) │ 1744-1842 │ „Fürstliche Hohl- und Tafelglas-Manufactur" für Weiß- und Grünglas am "Schornborner Teich" - mit den späteren Tochtergründungen Pilgrimsteich (1775), Mühlenberg (1783) und Mecklenbruch (1799). [11][12][17][18]
  • am Ith eine „grüne“ Hütte "unterm Renneberg bey Holtensen" (bei dem Dorf Holtensen - Holzen) - hier hatte bereits vor 1726 eine Waldglashütte bestanden ("Holzer Hütte") [14] │ 1744-1768 │ „Fürstliche Bouteillenmanufactur" │ Fertigung von „grünem Hohl- und Kisten-Glaß“ (Bouteillen = Flaschen und Flachglas für Fenster) [13][23]

  • im Hils eine Glas- und Spiegelhütte am "grünen Plan" (Grünenplan)  │ seit 1744 │ "Fürstliche Spiegelmanufactur am grünen Platz" in der seit 1667 ortsfesten Glashütte von Seidensticker [24]

Für die fürstliche „weiße“ Hohl- und Tafelglashütte in Schorborn wie auch für die spätere Grünglashütte in Pilgrim lieferten Heinader Bauern Kalk und Holzkohle, zugleich sorgten sie auch für den Abtransport der fertigen Glaswaren.

Die in der Phase des betriebswirtschaftlichen Übergangs zum stationären Manufakturwesen stehende Steinbeker Glashütte war im Hellental die letzte Glas produzierende Hüttenanlage.

 

„Fürstliche Bouteillenmanufactur" - die Glasmanufaktur "unterm Renneberg bey Holtensen" am Ith

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einem deutlich veränderten, technologisch weiterentwickelten Glashüttenwesen, indem ökonomisch auf einen größeren Glaswarenabsatz orientierte, ortsfeste Manufakturen errichtet wurden.[20]

Die Frage, wie die im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts – während der Entwicklungsphase ortsfester Manufakturen - errichtete Glashütte Zur Steinbeke wohl ausgesehen haben mag und welchen baulichen wie ofentechnologischen Bestand sie während ihrer rund drei Jahrzehnte währenden Produktionsphase aufwies, lässt sich bei bislang fehlenden archivalischen Quellen nicht hinreichend beantworten.

Darum kann hilfsweise nur auf archäologisch wie historische Vergleiche zurückgegriffen werden, wie auf die in der Fürstlichen Braunschweigischen Hüttenverwaltung unterstehenden fürstlichen Glasmanufakturen, die etwa zeitgleich unter Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel errichtet wurden.

Insbesondere die Glasmanufaktur "zu Holtensen" (Holzen) / "zu Holtensen auf der Hütte" am Renneberg, die von 1744-1768 als ortsfeste Grünglashütte bestand, kann hierbei modellhaft für die zuvor bestehende Glashütte Zur Steinbeke im Hellental herangezogen werden.

Die "Designatio/Inventario" (Bestandsverzeichnis) der Glashütte von 1769 weist ein Wohnhaus des Verwalters, die „alte Hütte“ mit zur Hütte gehörigen

  • 2 Glaskammern,

  • Laborantenhäuser,

  • 1 Stallgebäude,

  • Hüttengärten

aus.[21]

Der aus dem Jahr 1802 vorliegende „Grundriss von der Holzener Hütte“ zeigt, neben dem Hüttenplatz, die „Laborantenhäuser“ (Glasmacherhäuser) und die dazu gehörigen Gärten.

Glücklicherweise konnte hier 2001 eine archäologische Untersuchung der Denkmalpflege des Landkreises Holzminden eingeleitet werden, die Mauerzüge eines großen, zentralen Arbeitsofens und den Unterbau eines kleinen Nebenofens mit Feuerungsraum freilegen konnte.[22]

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

 


[1] LEIBER 2004, S. 111.

[2] BLOSS 1950a, S. 31.

[3] WOHLAUF 1981; BLOSS 1977.

[4] Ausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März bis 02. Juli 2017.

[6] OHLMS 2006; BLOSS 1950, S. 31 ff.

[7] BUSCH 1993, S. 41 f.

[8] TACKE 1943, S. 93.

[9] LEIBER 2017, S. 61-70.

[10] modern-ökonomisch: Leistungsbilanzüberschuss/Außenhandelsüberschuss - Zu ihrer staatlichen, frühkapitalistischen Einnahmesteigerung förderten Fürsten ihre heimischen (inländischen) Manufakturen und Monopolbetriebe zur Herstellung von Exportprodukten, wohingegen Importe verboten bzw. mit hohen Zöllen (Importzölle) belegt wurden.

[11] OHLMS 2006.

[12] OHLMS 2015.

[13] Die fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan. 17. Mai 2015 - 01. November 2015.

[14] BLOSS 1950a, S. 8.

[15] HENZE 2004, S. 99; TACKE 1969.

[17] ZWAHR 2017, S. 29.

[18] KRAMER 2017a, S. 16-21.

[19] TACKE 1943, S. 121.

[20] LEIBER 2004, S. 111. 

[21] Quelle: Kirchenbuch Heinade 1680-1722, S. 185; Auszug angefertigt von Wolfgang Nägeler. HENZE 2004, S. 96 ff.

[22] LEIBER 2004, S. 111 ff.

[23] TACKE 1943, S. 137-138.

[24] TACKE 1943, S. 136-137.