Familie Rothschild & der Leinenhandel

Dr. Klaus A.E. Weber │ Rolf Clauditz

 

"Sie waren unsere Nachbarn" [5]

 

"Weil wir das Garn zum Linnen

Noch immer selber spinnen,

Die Gespinste selber auch verweben,

Kann es gar kein bessres Leinen geben."

[1]

 

Das Sollingranddorf Merxhausen erlebte während der norddeutschen Blütezeit des Leinenhandels im 18. Jahrhundert seine „größte Zeit”.

Die 1765 von Georg Dietrich Floto in Stadtoldendorf gegründete Manufaktur "Weberei-Fabrique" (buntes Linnen, gefärbte Baumwollerzeugnisse) betrieb im 18. Jahrhundert in Merxhausen eine Niederlassung.

Friedrich Wilhelm Floto, in Merxhausen geboren, heiratete am 06. August 1787 in Hellental Marlene Charlotte Albrecht.

An die Blütezeit des Leinengewerbes und an den einst florierenden Leinenhandel erinnernd, trägt seit 1998 die alte evangelische Dorfkapelle in Merxhausen den Namen "Lydia-Kapelle".[4]

 

Kiepenfrau um 1922, Merxhausen [7]

Amalie Grabe, geb. Ebert (1849-1928)

Mit staatlichem Wandergewerbeschein befugt, im Umherziehen mit Leinen, Drell und Baumwoll-waren zu handeln.

 

Die Familie Rothschild

Die ortshistorisch besonders wichtige Frage, woher, warum und seit wann die Familie Rothschild sich in Merxhausen ansiedelte, bleibt nach wie vor unbeantwortet.

Eine Überlegung von HENZE/LILGE [2] geht dahin, dass einerseits durch die napoleonische Gründung des französischen Königreiches Westphalen (1807-1813) die Grenze zwischen dem eingegliederten hannoverschem und hildesheimischen Gebiet aufgehoben wurde.

Andererseits begünstigte die unter der französischen Herrschaft eingeführte Judenemanzipation und Gewerbefreiheit die Ansiedlung der Familie Rothschild in Merxhausen wie auch ihre Firmengründung.

Abraham Rothschild wurde 1772 in Merxhausen als Sohn des Garnhändlers Ephraim ben Joseph aus Wangelnstedt geboren.

Erst 1808 nahm Ephraim ben Joseph wähend der französischen Herrschaft den Nachnamen "Rothschild" an.

Nach HENZE/LILGE [2] haben jüdische Familien in Merxhausen nur wenig länger als 100 Jahre gelebt.

Die Autoren nehmen an, dass es vor 1800 in Merxhausen keine jüdische Glaubensgemeinschaft gab, insbesondere aber keine Angehörigen der Familie Rothschild.

Von HENZE/LILGE durchgeführte Befragungen und archivalische Aktenstudien lieferten nur schemenhafte und recht vage Beschreibungen des jüdischen Lebens in Merxhausen - und „jede Antwort brachte neue Fragen mit sich“.

Der am 24. Juli 1785 geborene und am 17. Januar 1867 verstorbene Samson Joseph Rothschild ist der nachweislich älteste Bestattete des jüdischen Friedhofes bei Merxhausen.

Anhand ihrer erhobenen Daten haben HENZE/LILGE [2] zwei Stammbäume der Familie Rothschild abgeleitet:

 

- I –

Rothschild, Samson Joseph

* 24.07.1785 - † 1867

1807 Heirat

Berg, Henriette

* 19.03.1785 od. 06.11.1788 Northeim - † 02.021867 Merxhausen

Sohn

Rothschild, Siegmund (Simon?)

* 03.11.1824 - † 1906

1853 Heirat

Weiler, Emilie

* 13.03.1834 Brakel - † 20.06.1907 Zorge

Sohn

Rothschild, Moritz

* 07.03.1857 Zorge - † 23.06.1917 London

 

- II -

Rothschild, Joseph

* 08.07.1811 - † 17.06.1887

? Heirat

Nordheimer, Henriette

* 25.05.1825 - † 31.05.1895

Söhne

Rothschild, Julius

* 04.09.1853 - † 10.09.1921

Rothschild, Ephraim

* 23.04.1859 - † 04.07.1934

Rothschild, Salomon

* 25.12.1863 - † 28.12.1930

 

In Merxhausen fand sich eine hebräische Hausinschrift von Abraham Samson Rothschild.

Eine weitere hebräische Inschrift von 1828 lautete [9]:

 

Gesegnet seyst du wen du ausgehst,

gesegnet seyst du wen du komst.

Samson Jos. Rothschild.

Jette Rothschild geb. Berg

 

Leinenhandel ab 1808

Der Zeitpunkt der jüdischen Zuwanderung ist bislang ungeklärt geblieben (wahrscheinlich im 19. Jahrhundert).

Die jüdischen Familien sollen ursprünglich relativ arm nach Merxhausen gekommen, aber in der Folgezeit wohlhabend geworden sein.

Der am 03. September 1772 in Merxhausen geborene Abraham Joseph Rothschild eröffnete 1808 in Merxhausen einen Leinenhandel, wobei er ein Warenlager für Garne und Leinenstoffe betrieb.

Die drei Brüder (Junggesellen) Julius (1853-1921), Salomon (1863-1930) und Ephraim (1859-1934) der Familie Rothschild sollen großen Einfluss auf den Lebensstandard und großes gesellschaftliches Ansehen in Merxhausen gehabt haben.

Der von ihnen betriebene Leinenhandel, dessen Ware hauptsächlich aus heimischer Fertigung stammte, habe einen großen Teil der Dorfbewohner beschäftigt.

So standen in fast allen Wohnhäusern von Merxhausen Webstühle, auf denen die aus dem In- und Ausland bezogenen Garne in Heimarbeit gegen Lohn zu Stoffen verarbeitet worden seien.

Die fertig gewebten Stoffe wurden dann in Rollen von der Textilhandlung der Brüder Rothschild übernommen und die Weber nach Stoffmenge und -qualität entlohnt.

Die Fertigware wurde entweder am Ort verkauft oder durch eine eigene Händlergruppe in großen Städten, wie Braunschweig, Hannover oder Bremen, abgesetzt worden.

Auf Grund ihrer beträchtlichen Anzahl habe in Merxhausen ein eigener Verein der Handelsleute bestanden.[2]

Durch die weitläufigen Handelsbeziehungen entwickelten sich „gewisse Umgangsformen“ die Merxhausen den Spitznamen „Klein Berlin“ einbrachte.

Nach HENZE/LILGE [2] habe der von der Familie Rothschild im Laufe eines Jahrhunderts erworbene Besitz, neben dem Wohnhaus, dem Geschäfts- und Lagerhaus, noch Garten-, Wiesen- und Ackerflächen von etwa 25.000 m² umfasst.

 

1814: Am Weihnachtstag brennen Wohnhaus & Warenlager

Rund sechs Jahre später, am Weihnachtstag 1814, brannten Wohnhaus und Warenlager nieder.

Die Brandursache liegt nach wie vor im Dunkel der Geschichte.

Die Familie von Abraham Joseph Rothschild übersiedelte mit dem verbliebenen Rest ihrer Waren am 02. Januar 1815 nach Stadtoldendorf (Baustraße), wo sie in dem Ackerbürgerstädtchen eine An- und Verkaufsstelle für Garne und Stoffe eröffnete.

Etwa 300 Garnspinner und Weber der Region sollen zu den Lieferanten und Kunden der Familie Rothschild gezählt haben.

Ältestes schriftliches Zeugnis aus jener Zeit ist ein Brief von Julius Bibo an seinen Bruder Ephraim Rothschild vom 02. Dezember 1834.

 

"Mechanische Weberei A. J. Rothschilde" in Stadtoldendorf & Textilhandlung in Merxhausen

Auf dieser Geschäftsbasis sei später als Manufakturwarengeschäft die "Mechanische Weberei A. J. Rothschilde" in Stadtoldendorf gegründet worden.

Ein späteres, um 1900 erbautes, dreistöckiges Gebäude in Merxhausen sei zuletzt die Textilhandlung der Firma Rothschild gewesen.

Der größere Gebäudeteil habe als Lagerhaus gedient.

Im Erdgeschoss sei ein „Verkaufscomptoir“ untergebracht gewesen.

Lagerarbeiter, Packer und vier „Commis“ seien darin beschäftigt gewesen.

 

1938: „Arisierung“ │ Pogromnacht │ Nationalsozialistischer Schauprozess

Gleichwohl kein Angehöriger der Familie Rothschild mehr in Merxhausen wohnte, sei in der Pogromnacht [8] - in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 - das große Gebäude geplündert und demoliert worden.[3]

Als "neuer Betriebsführer" übernahm am 03. April 1938 der nationalsozialistische Fabrikant Wilhelm Kübler die 1869 gegründete und zuvor am 01. April „arisierte“ "Mechanische Weberei A. J. Rothschild" in Stadtoldendorf.[6]

Die "Weberei A.J. Rothschilld Söhne" hatte in jener Zeit weltweite Handelsbeziehungen und war mit 650 Beschäftigten einer der bedeutendsten Arbeitgeber jn der Region.

Im August 1937 wurden vier Gesellschafter der als Kommanditgesellschaft geührten Weberei in Stadtoldendorf festgenommen und inhaftiert.

Drei der vier Gesellschafter der traditionsreichen Weberei wurden im Juli 1938 in einem Schauprozeß ("Stadtoldendorfer Judenprozeß") vom Sondergericht in Braunschweig wegen „Devisenvergehens und Volksverratsverbrechens“ zu hohen "Gesamtzuchthausstrafen" und zu Geldstrafen verurteilt - mit dem Beginn des Bereicherungswettlaufs um das Privatvermögen.[5]

Nach ihrer Haftverbüßung im Zuchthaus Hameln wurden zwei der Gesellschaftler von der Gestabo Braunschweig in das KZ Sachsenhausen verbracht, wo beide in der KZ-Haft 1940 bzw.1942 verstarben.[5]

In jenem Jahr wurde dem Webereidirektor anlässlich seines 25-jährigen Inhaber-Jubiläums von seinen kaufmännischen Angestellten eine Holztafel mit Szenen aus der Weberei überreicht.

 

„Reichs-Landdienstlager" 1939-1945

Um 1900 bestand in Merxhausen ein dreistöckiges Gebäude, ein Lagerhaus und ein Verkaufscomptoir der Familie Rothschild.

Das Wohnhaus wurde im Nationalsozialismus zum „Reichs-Landdienstlager" (Landjahrmädchen), das von 1939 bis 1945 bestand.

 

1974: Zweifelhafter Abbruch des historischen "Judenhauses" in Merxhausen

Wegen der später eingetretenen Baufälligkeit des früheren Geschäftshauses der Familie Rothschild - in offiziellen Schreiben auch als „Judenhaus“ bezeichnet - kam es zwischen 1971–1974 zu einem recht umfänglichen Schriftverkehr und zu einem sich allmählich zuspitzenden Verwaltungsstreit.

Am 05. August 1974 teilte schließlich die Gemeinde Heinade abschließend dem Landkreis Holzminden (Bauaufsicht) schriftlich lapidar mit, dass das Gebäude von ihr angekauft und inzwischen durch einen Unternehmer abgebrochen worden sei; der Platz sei einplaniert und somit die Gefahrenstelle beseitigt.

In Merxhausen erinnert man sich noch heute an die drei Brüder Julius (1853-1921), Salomon (1863-1930) und Ephraim (1859-1934) Rothschild.




[1] Einem weit gereisten Handelsmann aus Merxhausen zugeschriebenes Zitat aus dem mundartsprachlichen Zeitungsartikel „Im Blauen Engel to Brunswiek“, Fragment aus einer unbekannten Zeitung, datiert 1935.

[2] HENZE/LILGE 1989, S. 143 f.

[3] MITZKAT/SCHÄFER (o.J.), S. 42.

[4] Die in der Apostelgeschichte erwähnte Purpurhändlerin Lydia von Philippi aus der Stadt Thyatira gilt als die Schutzpatronin der Färber.

[5] ERNESTI 1996, S. 54-62.

[6] "Vereinigte Weberei Salzgitter-Stadtoldendorf Wilhelm Kübler & Co." - spätere moderne Firmenbennung: "Weberei Wilhelm Kübler + Co." │ 3457 Stadtoldendorf │ 1859-1982.

[7] Aufnahme: Carl Hansen, Wolfenbüttel │ ehemalige Privatsammlung Heinrich Schattenberg, Merxhausen.

[8] ERNESTI 1996, S. 63-68.

[9] TACKE 1907, S. 191.