Nationalsozialistische Gewaltherrschaft 1933-1945

Klaus A.E. Weber

 

"Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen."

Saul Friedländer, Historiker und Holocaust-Überlebender

Gedenken im Deutschen Bundestag an die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des 74. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz │ ֍ Rede von Saul Friedländer am 31. Januar 2019.[2]

 

Die Folgen der Zerstörung der Weimarer Republik im konservativen Deutschland durch antidemokratische & antirepublikanische Kräfte

Die grausame Phase der „braunen“ völkischen Ideologie, der menschenverachtenden Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus und eines erneut von Deutschland ausgehenden „Großen Krieges“ - dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) - zeichnete sich in der demokratischen Weimarer Republik zunehmend an verschiedenen Konturen ab.

Die Weimarer Republik wurde schließlich durch Angriffe antidemokratischer und antirepubblikanischer Kräfte sukzessiv zerstört, gepaart mit der Hetze gegen die liberale Demokratie und die freiheitlich-demokratischen Parteien.

Wieder sollte es, wie kurz zuvor beim Ersten Weltkrieg, deutsche Profiteure geben; nunmehr solche der gewaltigen nationalsozialistischen Vernichtungspolitik (Personen aus Justiz, Kirchen, Wohfahrtseinrichtungen, Kultur, Publizistik, Wissenschaft, Medien, Polizei, Wehrmacht, tragende Personen aus NSDAP, SA und SS).[1]

In der Zeit von August bis Oktober 1942 wurde rund ein Viertel der jüdischen Holocaust-Opfer binnen drei Monaten ermordet.[19]

1934 beteiligten sich 683 deutsche Frauen und Männer an einem Preisausschreiben des US-amerikanischen Soziologen Theodore Abel (1896-1988) in Zusammenarbeit mit der NSDAP (Propagandaministerium) zum Thema "Warum ich Nazi wurde".

Die archivierten und gesichteten biografischen Berichte offenbaren die freiwillige Begeisterung für den "mustergültigen Mann" Hitler und seine propagierten Ideen; sie zeichnen zugleich aber auch ein erschreckend aktuelles Gesellschaftsbild.[8]

 

Historisches Museum Basel Barfüsserkirche

 

Der abgebildete, rassistisch verhöhnende „Judenstern“ [23] wurde vom nationalsozialistischen Terrorregime als Zwangskennzeichen für jene Personen eingeführt, welche nach den „Nürnberger Gesetzen (Nürnberger Rassengesetze)" von 1935 rechtlich als Juden galten.

 

▷ "Extreme Bilder aus extremer Zeit" - Katastrophenzeitalter 1914–1945

  • Adolf Wissel (1894-1973): Kahlenberger Bauernfamilie, 1939

Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 08. Mai 2020 │ Kurt Messmer [26]

 

"Die Verantwortung vor unserer Geschichte kennt keine Schlussstriche" [17]

Mit der Reichstagswahl 1930 konnten die Nationalsozialisten ihren Wirkungsschwerpunkt nach Norddeutschland und somit auch nach Niedersachsen und in die hier betrachtete Dorfregion verlagern.

Dort konnten in zahlreichen Kreisen bzw. Ämtern über 40 % der Wählerstimmen erzielt werden.

Das „platte Land“ wurde zu einer nationalsozialistischen Hochburg, mit Ausnahme der katholischen Gebiete.

  • Einen umfassenden Überblick zum Aufstieg und zur Herrschaft der Nationalsozialisten im Weserbergland zwischen 1921 und 1936 bietet das Buch von REICHARD/SCHÄFER.[12]
  • Zur nationalsozialistischen Propaganda im Kreis Holzminden von 1930 bis 1932 wird auf einen etwa gleichlautenden Aufsatz von SEELIGR [5] verwiesen.

 

Holzmindener Verwaltungsschriftstück zur "Indikation zur Unfruchtbarmachung" um 1936

HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

Als ein Beispiel der mannigfachen menschenverachtenden nationalsozialistischen Gewaltherrschaft trat in der Verfolgung eugenischer Ziele in der NS-Rassenhygiene am 01. Januar 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GzVeN, RGBl. I S. 529) vom 14. Juli 1933 als deutsches Sterilisationsgesetz in Kraft.

Hierdurch wurden auf Anordnung der Erbgesundheitsgerichte zwischen 1934 und 1945 etwa 400.000 Menschen auch ohne ihre Einwilligung gewissenlos zwangssterilisiert ("Unfruchtbarmachung").

 

Aus der Bibliothek eines Holzmindener NS-Kreisarztes

Handbuch zur Anwendung des „Gesetzes zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ (GVG) vom 03. Juli 1934 1935

HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

Mit dem „Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ (GVG) vom 03. Juli 1934 und seiner drei Durchführungsverordnungen wurden unter dem NS-Regime das kommunale und staatliche Gesundheitswesen in der örtlichen Instanz der Gesundheitsämter zusammengeführt und damit die Kreisärzte zum 01. April 1935 durch staatliche Gesundheitsämter ersetzt.

LABISCH/TENNSTEDT [4] zeichneten anlässlich der fünfzigjährigen Verabschiedung des GVG ausführlich sozialhistorisch die Entstehung des "Gesetzes über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" vom 3. Juli 1934 nach wie auch Entwicklungslinien und-momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland vor 1933.

 

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] s. hierzu das Personenlexikon zum Dritten Reich von KLEE 2003, das als Standartwerk über die wichtigsten Personen aus Justiz, Kirchen, Wohfahrtseinrichtungen, Kultur, Publizistik, Wissenschaft, Medien, Polizei, Wehrmacht, tragende Personen aus NSDAP, SA und SS informiert.

[2] STERNBERG 2019.

[3] HOFFMANN 2004, S. 28 f.

[4] LABISCH/TENNSTEDT 1985a/b.

[5] SEELIGER 2008a, S. 1-30.

[8] TKALEC 2018.

[12] REICHARDT/SCHÄFER 2016.

[17] Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 03. Oktober 2017: „Die Verantwortung vor unserer Geschichte kennt keine Schlussstriche.“

[19] JÄRKEL 2019.

[23] Aus der Ausstellung im Historischen Museum Basel – Barfüsserkirche.

[25] LENT 2000.

[26] Kurt Messmer ist freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.