Nationalsozialismus in der Dorfregion & der Zweite Weltkrieg (1939-1945)

Klaus A.E. Weber

 

Die Folgen der Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische & antirepublikanische Kräfte

Die grausame Phase der „braunen“ menschenverachtenden Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus und eines erneut von Deutschland ausgehenden „Großen Krieges“ - dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) - zeichnete sich in der demokratischen "Weimarer Republik" zunehmend an verschiedenen Konturen ab.

Die Weimarer Republik wurde schließlich durch antidemokratische und antirepubblikanische Kräfte sukzessiv zerstört.

Wieder sollte es, wie kurz zuvor beim Ersten Weltkrieg, deutsche Profiteure geben; nunmehr solche der gewaltigen nationalsozialistischen Vernichtungspolitik (Personen aus Justiz, Kirchen, Wohfahrtseinrichtungen, Kultur, Publizistik, Wissenschaft, Medien, Polizei, Wehrmacht, tragende Personen aus NSDAP, SA und SS).[1]

In der Zeit von August bis Oktober 1942 wurde rund ein Viertel der jüdischen Holocaust-Opfer binnen drei Monaten ermordet.[19]

 

"Die Verantwortung vor unserer Geschichte kennt keine Schlussstriche" [17]

Mit der Reichstagswahl 1930 konnten die Nationalsozialisten ihren Wirkungsschwerpunkt nach Norddeutschland und somit auch nach Niedersachsen und in die hier betrachtete Dorfregion verlagern.

Dort konnten in zahlreichen Kreisen bzw. Ämtern über 40 % der Wählerstimmen erzielt werden.

Das „platte Land“ wurde zu einer nationalsozialistischen Hochburg, mit Ausnahme der katholischen Gebiete.

  • Einen umfassenden Überblick zum Aufstieg und zur Herrschaft der Nationalsozialisten im Weserbergland zwischen 1921 und 1936 bietet das Buch von REICHARD/SCHÄFER.[12]
  • Zur nationalsozialistischen Propaganda im Kreis Holzminden von 1930 bis 1932 wird auf einen etwa gleichlautenden Aufsatz von SEELIGR [5] verwiesen.

Bereits mit der Reichstagswahl vom 14. September 1930 hatten die Nationalsozialisten ihren Wirkungsschwerpunkt nach Norddeutschland verlagert.

So beherrschten seit 1930 Nationalsozialisten das Land Braunschweig und somit auch in die hier betrachtete Region.[10]

Früh begann die Verfolgung Andersdenkender und deren grauenvolle Misshandlung - der "Naziterror im Freistaat Braunschweig" begann.[9]

Wie die nachstehende Tabelle zeigt, war Merxhausen ab 1930 mit 45,5 % zu einer kleinen ländlichen Hochburg der Nationalsozialisten geworden; bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 und im März 1933 stieg der Stimmenanteil der NSDAP auf 70,5 % bzw. 88,9 %.[13]

Am 03. April 1932 marschierten von Merxhausen aus "unter dem Vorantritt der SA-Kapelle Sievershausen (...) 160 SA- und SS-Leute sowie Angehörige der Hitlerjugend neben ebenso vielen Mitgliedern und Anhängern der Partei nach den Ortschaften Heinade und Hellental" - möglicherweise "unter dem Vorantritt der Hakenkreuzfahne bei dem Gesange nationalsozialistischer Kampflieder" oder "mit den üblichen Kampfliedern".[6]

In diesem Kontext ist zu erwähnen, dass am 03. April 1932 in Merxhausen ein "Deutscher Abend" als Propagandaaktion veranstaltet worden war; Ortsgruppenführer war in Merxhausen Karl Dörries jun.[7]

Am 18. März 1933 führten im Zeichen des nationalsozialistischen Terrors drei Landjäger und 15 SA- und SS-Leute abends gegen 18 Uhr Hausdurchsuchungen bei SPD-Funktionären und SPD-Mitgliern in Hellental durch - bei eher bescheidener Ausbeute:

- sozialdemokratische Schriften und Parteibüchern, eine schwarz-rot-goldene Fahne, einige Wimpel, zwei Trommeln, drei Flöten, ein Militärgewehr.[14]

Zwei Tage zuvor hatten in Heinade am 16. März Polizisten und Hilfspolizisten die Wohnungen von bekannten SPD-Mitgliedern durchsucht, wobei sie allerdings nur wenige Broschüren gefunden haben sollen.[15]

Als Ausdruck des dörflichen "Endes roter Milieuvereine" kann beispielhaft angesehen werden, dass Sportgerätschaften und Vereinsvermögen von Arbeiterturnern aus Heinade vom Gemeindevorsteher "sichergestellt" wurden.[16]

 

Wahlergebnisse von Merxhausen und  Hellental bei den Reichs- und Landtagswahlen  1924-1933 

Übersicht und Zusammenstellung nach Angaben von BÖKE [4]

Wahlakt: Reichstagswahl: RTW │ Landtagswahl (Land Freistaat Braunschweig): LTW

Die Daten belegen die sukzessive Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische und antirepubblikanische Kräfte.

 

Merxhausen

 

RTW

1924

04.05.

RTW

1924

07.12.

LTW

1924

07.12.

LTW

1927

27.11.

RTW

1928

20.05.

RTW

1930

14.09.

LTW

1930

14.09.

RTW

1932

31.07.

RTW

1932

06.11.

RTW

1933

05.03.

SPD/

USPD

gesamt

40,2

38,2

25,6

39,4

43,9

40,7

43,1

18,6

25,0

10,2

SPD/

USPD/

KPD

gesamt

45,9

39,2

25,7

40,4

44,9

43,0

43,1

22,0

27,7

11,6

NSDAP

  1,9

  1,9

  1,1

  2,8

  2,7

45,5

32,1

75,9

70,5

88,9

 

Hellental

 

RTW

1924

04.05.

RTW

1924

07.12.

LTW

1924

07.12.

LTW

1927

27.11.

RTW

1928

20.05.

RTW

1930

14.09.

LTW

1930

14.09.

RTW

1932

31.07.

RTW

1932

06.11.

RTW

1933

05.03.

SPD/

USPD

gesamt

76,1 %

77,0 %

79,7 %

88,2 %

76,2 %

68,2 %

68,1 %

21,7 %

48,6 %

42,7 %

SPD/

USPD/

KPD

gesamt

80,2 %

77,4 %

81,0 %

88,2 %

80,3 %

78,5 %

77,8 %

49,8 %

53,8 %

42,2 %

NSDAP

1,6 %

0,0 %

0.0 %

0,0 %

0,8 %

21,7 %

10,6 %

49,0 %

45,3 %

53,9 %

 

 

Zu den „Relikten“ des Ersten Weltkrieges (1914-1918) zählen u. a. auch unterschiedliche Erinnerungskulturen in Deutschland, die im Laufe des 20. Jahrhunderts durch den Nationalsozialismus stark beeinflusst wurden.

  

 Ausstellungsbaracke Zwangsarbeiterlager "Lenner Lager" 1944-1945

 

NS-Zwangsarbeit & Erinnerung

  • Holzen am Hils - Außenlager des ehemaligen KZ Buchenwald
  • z.B. Bosch - Zwangsarbeit im Hildesheimer Wald - Am 22. Januar 1942 kamen die ersten polnischen Zwangsarbeiter*innen im Hildesheimer Bosch-Werk an. Über 2.700 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte waren im Zweiten Weltkrieg in einer Hildesheimer Tarnfabrik des Bosch-Konzerns beschäftigt.[2]

Die Internetseite enthält Informationen über die Topografie der Erinnerung in Südniedersachsen: Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus│Gedenken und Erinnern.

Unter der Region Südniedersachsen werden die vier südlichsten Landkreise Niedersachsens verstanden: Göttingen, Holzminden, Northeim und Osterode.

 

Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



[1] s. hierzu das Personenlexikon zum Dritten Reich von KLEE 2003, das als Standartwerk über die wichtigsten Personen aus Justiz, Kirchen, Wohfahrtseinrichtungen, Kultur, Publizistik, Wissenschaft, Medien, Polizei, Wehrmacht, tragende Personen aus NSDAP, SA und SS informiert.

[2] Mitteilung zur neuen Website der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. Die Webseite beruht auf Recherchen der Historikerin Angela Martin und der Publizistin Ewa Czerwiakowski, die im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstatt über Zwangsarbeit bei Bosch geforscht haben. 

[3] HOFFMANN 2004, S. 28 f.

[4] BÖKE 2005, S. 45-72. Die von BÖKE [2005, S. 66-67] veröffentlichte tabellarische Darstellung der gemeindlichen Wahlergebnisse bezieht sich allerdings ausschließlich auf die im Täglichen Anzeiger Holzminden (TAH) wiedergegebenen Wahlergebnisse: Landtagswahl 1924 und 1927, Reichstagswahl 1924, Reichspräsidentenwahl 1925.

[5] SEELIGER 2008a, S. 1-30.

[6] SEELIGER 2008a, S. 17.

[7] SEELIGER 2008a, S. 24-25.

[9] SEELIGER im TAH vom 15.08.2000.

[10] RAULS 1983, S. 198-199.

[12] REICHARDT/SCHÄFER 2016.

[13] REICHARDT/SCHÄFER 2016, S. 87, 240.

[14] REICHARDT/SCHÄFER 2016, S. 253.

[15] REICHARDT/SCHÄFER 2016, S. 252.

[16] REICHARDT/SCHÄFER 2016, S. 305.

[17] Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 03. Oktober 2017: „Die Verantwortung vor unserer Geschichte kennt keine Schlussstriche.“

[19] JÄRKEL 2019.