"Ordentliche Holthauers" & "Kailbuils"

Klaus A.E. Weber

 

Waldarbeiter in den Sollingforsten


Hellentaler Waldarbeiter bei Helmstedt, 1913

 

Forstreformen führen seit jeher zur holzwirtschaftlichen Umorganisation in den Wäldern, ebenso auch bei den dort beschäftigten „Waldarbeitern“ und ihren Personalbeständen.

Bei den Waldarbeitern zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelte es sich hauptsächlich um Holzhauer (Holzhauerberuf) und Kulturarbeiter.[1]

Infolge vormals gewohnt ungeregelter Waldraubwirtschaft entstand in den "am Sollinger-Districten gelegenen Forsten", in den ausgedehnten Solling-Laubwäldern des Braunschweiger Weser-Distrikts, allmählich ein Holzmangelproblem.

Im Auftrag von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel führte der „Vater der regelmäßigen Forstwirtschaft”, sein Hofjägermeister Johann Georg v. Langen, nach 1745 im Solling die damals revolutionär erscheinende Waldnutzungsplanung, die rationellere Forstwirtschaft mit planmäßigem Pflanzen und Abholzen von Waldbeständen auf der Grundlage des Waldzustandes und der Nutzungsmenge, ein – und hierbei auch zur Aufforstung die Fichte im devastierten oberen Solling.

Durch diese nachhaltige Nutzungsplanung für die Braunschweiger Sollingwälder wurden auch mehr Holzhauer bzw. Waldarbeiter benötigt, was in der Folgezeit auch in Hellental zur verstärkten Ansiedlung von "ordentlichen Holtz-Hauern" führte.

Von v. Langen hat Waldarbeiter aus dem Harz herangeholt und vornehmlich in Hellental angesiedelt.

Das Hüttenholz fällten künftig nicht mehr die Glasmacher selbst, sondern sie bekamen das benötigte Holz in Klafter gesetzt zugeteilt, wobei die Hüttenverwalter die Rechnung bei der Forstverwaltung bezahlten.[2]

Der Einsatz als Holzhauer oder Holzschläger erfolgte in den „haubaren Revieren” des Sollings zur Säuberung, Aushauung und zum „Abtrieb”, je nach den Erfordernissen des Waldhaushaltes.

So war es u.a. zum Feuerungsbetrieb von Glashütten erforderlich, in den waldreichen Sollingforsten umfangreiche Baumbestände auszuhauen, vornehmlich in den Wintermonaten.

Die Tätigkeit von Holzhauern und Holzschlägern bestand darin, zuvor ausgesuchte Bäume zu fällen, zu entasten, zu schälen, zu zersägen und ggf. zu transportieren.

Die Arbeit der Holzhauer (später Forst- bzw. Waldarbeiter) war im 18. Jahrhundert weitaus härter, schwieriger, körperlich anstrengender und letztlich auch sehr viel gefährlicher als zur heutigen Zeit.

Die winterliche Waldarbeit war Schwerstarbeit in freier Natur.[3]

Aus dem traditionellen Beruf des Holzhauers (Holzfäller) sollte sich später der moderne Beruf des Forstwirtes entwickeln.

Wie noch heute im Dorf berichtet wird, waren, bevor mit der eigentlichen Waldarbeit begonnen werden konnte, von den Holzhauern und Waldarbeitern aus Hellental oftmals stundenlange Anmarschwege zu den weit entfernten Arbeitsplätzen in den Sollingforsten zurückzulegen.

Die Holzhauer und Waldarbeiter gingen oft schon vor Tagesanbruch los und kamen erst spät in der Nacht wieder heim.

Manche von ihnen kamen die Woche über auch nur ein- oder zweimal nach Hause.

Holzhauern und Waldarbeitern früherer Tage wurde oftmals auch abverlangt, die Nächte in einfachen Schutzhütten oder Katen zu verbringen.[4]

Die schwierige und anstrengende Waldarbeit erfolgte zu jener Zeit ausschließlich durch Muskelkraft.

Die physischen Belastungen waren damals extrem hoch und Arbeitsschutzmaßnahmen waren über zwei Jahrhunderte hin völlig unbekannt.

Zudem waren die Holzhauer und Waldarbeiter ständig den wechselnden „Launen” des Wetters ausgesetzt; sie waren entweder durchgeregnet oder durchgeschwitzt, hatten nasse Füße und im Winter gab es Erfrierungen.

Die besondere forstwirtschaftliche Arbeitsexposition führte häufig zu folgenschweren Verletzungen bis hin zu Todesfällen, zur frühzeitigen Invalidität, zu erheblichen chronisch-degenerativen bzw. –rheumatischen Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates oder zu internistischen Krankheitsbildern, wie schwerwiegenden Lungenerkrankungen.

Unter der Regentschaft des braunschweiger Herzogs Carl I. betrug um 1760 der Hauelohn je Malter Holz (ca. 1, 86 Festmeter) 3 gute Groschen (= 36 Pfennige) und Naturalien im Wert von einem guten Groschen (= 12 Pfennige), wobei im 18. Jahrhundert vergleichsweise der Preis für 1 Pfund Brot (468 g) 3 Pfennige und für 1 Pfund Butter 28 Pfennige betrug.[5]

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945), in den 1950er Jahren, verdiente ein Waldarbeiter durchschnittlich rund 12,- DM in der Woche; der Tagesverdienst konnte 1,20 - 1,80 DM betragen.

Mit insgesamt rund 240 Männern imponierte in dem hier genealogisch untersuchten Zeitabschnitt des 18./19. Jahrhunderts die dokumentierte Erwerbsarbeit als Holzhauer, Holzschläger, Holzschieber oder Waldarbeiter als das für Hellentaler Familien maßgeblichste Hauptgewerbe und begründet somit zugleich auch die bis heute gebräuchliche Kennzeichnung von Hellental als Waldarbeiterdorf.

 

Hellentaler Holzhauer & Waldarbeiter Die Kailbuils im Solling

Die meisten Hellentaler Waldarbeiter des 19./20. Jahrhunderts besaßen im Hellental durchschnittlich nur 1 Morgen Land zur eigenen Bewirtschaftung, tpischerweise aufgeteilt in Wiesen- und Ackerland.

Mit insgesamt ca. 200 Männern imponierte in dem hier genealogisch untersuchten Zeitabschnitt des 18./19. Jahrhunderts die dokumentierte Erwerbsarbeit als Holzhauer, Holzschläger, Holzschieber oder Waldarbeiter.

Die Forstarbeit war somit das für Hellentaler Familien maßgeblichste Hauptgewerbe.[6]

Hierhin ist zugleich auch die bis heute gebräuchliche Kennzeichnung von Hellental als „Waldarbeiterdorf“ begründet, was sich nicht zuletzt auch im Gemeindewappen von Hellental in Form eines stilisierten Fichtenbaumes widerspiegelt.

Die Werkzeuge eines Hellentaler Holzhauers (Waldarbeiters) jener Zeit umfassten

  • Säge

  • Axt

  • Schäleisen

  • Keile

Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ausschließlich die Axt als wichtigstes Holzhauer-Werkzeug zum Baumfällen eingesetzt, zur Mitte des Jahrhunderts allmählich die Zwei-Mann-Zug- oder Bogensäge.

Um ein erträgliches Einkommen zu zielen, waren oft lange Arbeitszeiten erforderlich, da das Holzfällen nach Akkord entlohnt wurde, also nach erbrachter Holzmenge in definierter Zeit.

Hierbei war zudem typisch, dass in Gruppen gearbeitet wurde.

Gelegentliche Arbeitskonflikte waren gleichsam vorprogrammiert, da sich die Intensität der Waldarbeit unterschiedlich gestaltete, abhängig beispielsweise vom Baumwuchs, vom Unterholz und von der jeweiligen Lage (Hanglage).

Um einen ausgesuchten Baum richtig zu fällen, war vor allem die Festlegung seiner Fallrichtung entscheidend.

Einseitiger Baumwuchs, unmittelbar benachbarte Bäume und vornehmlich der Wind erforderten konsequente Beachtung und ständige Wachsamkeit, denn ein falsch stürzender, sich drehender oder im Geäst von Nachbarbäumen verfangender Baum konnte rasch folgenschwere Verletzungen verursachen.

Eine „Fallkerbe“ bestimmte die Richtung, in welche der Stamm kippen sollte.

Der am Fällort aufgearbeitete Holzstamm wurde damals durch das Holzrücken zum nächsten befahrbaren Waldweg durch menschliche Arbeitskraft und die Zugkraft von Pferden transportiert.

Die Holzabfuhr (in der Regel als „Langholzfahren“) erfolgte mittels besonderer Langholzwagen, deren Beladung und Steuerung jeweils eine technische Herausforderung darstellte.

In den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die staatliche Forstverwaltung zu einem der wichtigsten Arbeitgeber für die Erwerbstätigen des Sollingdorfs, insbesondere für die Waldarbeiter und ihre Familien.

Durch technische Entwicklungen veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Waldarbeit qualitativ wie quantitativ - arbeitsmethodisch, wirtschaftlich wie auch sozial. Neue, angepasste Arbeitsmethoden und -abläufe, verbunden mit enormer Steigerung der Arbeitsleistung, setzten sich allmählich durch.

Als eindrucksvolle Beispiele sei hierzu einerseits der Einsatz von Motorsägen, Rückefahrzeugen, Harvester und die Kranverladung benannt, andererseits die Aus- und Fortbildung von Waldarbeitern in Waldarbeiterschulen (z.B. in Münchehof) - mit möglicher Qualifikation zum Facharbeiter bis hin zum Forstwirtschaftsmeister.

Die Hellentaler Waldarbeiter wurden oft und gern wegen ihrer Tätigkeit in den Forsten mundartlich mit dem verbreiteten Spitznamen „Kailbuils“ bzw. „Keilbuils“ belegt, was so viel wie „Keilbeutel” bedeutet, jenen Beutel meinend, den die Waldarbeiter für ihre Tätigkeit bei sich trugen und in dem sich besonders gehärtete Keile zum Baumfällen befanden.[7]

Nach Darstellung von Klara Schulte (Hellental) brachte ihnen erst das „Lied der Hellentaler Waldarbeiter“ den besagten Spitznamen ein.

 

Gut gelaunte Hellentaler Waldarbeiter - Die „Kailbuils“ im Sollingwald in den 1930er Jahren

Foto: Privatsammlung von Klara Schulte, Hellental

 

Forstwirt Erwin Schulz - 25 Jahre Waldarbeit

Der 54jährige Hellentaler Forstwirt Erwin Schulz feierte im September 1983 sein 25-jähriges Berufsjubiläum – er war seit 1957, mit kurzer Unterbrechung, „im Walde tätig“.[8]

Die Forstverwaltung, vertreten durch den Forstoberrat Helmut Wrede vom ehemaligen Staatlichen Forstamt Holzminden, der Forstoberinspektor Joachim Gläser, Revierförsterei Nagelbach, sowie der Personalratsvorsitzende lobten die Zuverlässigkeit, Einsatzfreudigkeit und das berufliche Können von Erwin Schulz, der als 29Jähriger in den niedersächsischen Forstdienst eingetreten war.

In Anwesenheit des Bezirkssekretärs Hermann Götze von der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft, erinnerte Forstoberrat Wrede daran, dass für den 1929 im niederschlesischen Klein-Heinzendorf geborenen Jubilar, der auch eine zeitlang als Holzfäller in Schweden tätig war, das reizvolle Hellental zur zweiten Heimat wurde.

Wie die vorgesetzten Dienststellen, so wussten auch die Nagelbacher Waldarbeiterkollegen Erwin Schulz zu schätzen.

 


Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental
Fotografien: Archiv des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen


[1] TACKE 1951.

[2] BLOSS 1977, S. 118.

[3] BRODHAGE/MÜLLER 1996, BRODHAGE/SCHÄFER 2000.

[4] BRODHAGE/MÜLLER 1996, BRODHAGE/SCHÄFER 2000.

[5] HENZE 2004, S. 91.

[6] NÄGELER/WEBER 2004.

[7] CREYDT 1988; BRODHAGE/SCHÄFER 2000.

[8] TAH v. 13.09.1983.