Dorfbacköfen des frühen 19. Jahrhunderts

Klaus A.E. Weber

 

Traditionelle Zubereitung von "Rocken- und Weizen-Brodt"

Historische Backhäuser der Region tragen erheblich zum Bild der historischen Kulturlandschaft bei und bilden somit ein wichtiges, erhaltenswertes Kulturgut.

Zugleich bereichern sie auch die Qualität und Quantität des touristischen Angebotes in der Solling-Vogler-Region in der Urlaubsregion Weserbergland.

 

Gemeinde-Backhaus in Hellental - Bauhistorie & Restaurierung

Der im ehemaligen Hellentaler Gemeinde-Backhaus im Jahr 2006 freigelegte und im Zeitraum 2007-2008 umfänglich restaurierte Steinbackofen ist ein typischer bäuerlicher Einkammerbackofen, im 19. Jahrhundert errichtet innerhalb des freistehenden, selbständigen Dorfbackhauses als Gemeinschafts-Backhaus der Hellentaler Dorfgemeinschaft.

Zum regionalen bauhistorischen Vergleich zwei Ausschnitte aus einer Bauantragszeichnung für einen Backofen vom 19. Oktober 1876 in Reileifzen (Ass. Nr. 7):


         

"Situation & Zeichnung behufs Erbauung eines Backofens auf dem Gehöfte ... Ass. 7 zu Reileifzen"

 

Brot backen & Obst dörren

Wahrscheinlich wurde an bestimmten Wochentagen zumindest Brot gebacken und der Backofen zudem auch zum Dörren von Obst genutzt - zum Konservieren von Obst als Vitaminträger für die Winterzeit.

Einst wurden nämlich Backöfen im Braunschweiger Weserdistrikt auch zum Konservieren von Obst durch Lufttrocknung genutzt - als "Dörröfen".

Bei Temperaturen von 30-70 °C wurde dem auf Gitterroste gelegten Dörrgut Wasser entzogen.

Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsfasern blieben dabei für längere Zeit erhalten.

 

Zwei "klassische" Backofenfunktionen: Brot backen & Obst dörren

 

Das Konstruktionsprinzip entspricht dem aus dem Mittelalter übernommenen Backofenbau mit direkter Innenbefeuerung.

Als kunsthistorisch „profanes Hausgerät“ spiegelt der Einschießofen die ursprünglichste Grundform des Backofens wider.

Innen direkt mit Holz befeuerte Backöfen gelten historisch als die schwierigsten für das Brotbacken.

 

 

Wie auch die heutige Nutzung des restaurierten Backofens an den Museumsbacktagen zeigt, ist das Aufheizen des Steinbackofens mit einer Herdsohle von 3,8 m x 2,6 m (rund 7 m²) sehr aufwändig und kostspielig.

Die Ofenbefeuerung erfolgte und erfolgt auch heute mit dem Hartlaubholz Rotbuche (Fagus sylvatica).

In dem Gewölbe unterhalb des Backraumes wurden etwa 0,5 m³ getrocknetes Buchenholz lose aufgeschichtet [ca. 0,5 Raummeter].

Eigenschaften der Buche als Brennstoff: 

  • klimafreundlich, da neutrale CO2-Bilanz

  • hoher Heizwert - entwickelt viel Glut, dadurch   gleichmäßige, lang anhaltende Nutzwärme

  • preisgünstig verfügbar, da im Solling heimisch

Im Steinbackofen hält die Temperatur lange an, wobei die Ofensteine ihre Wärme allmählich an den eingeschossenen Brotteig abgeben.

Ist die Temperatur zu Beginn des Aufheizens sehr hoch, so fällt sie im Laufe der Zeit langsam ab.

Das Backen im Steinbackofen verleiht dem Brot ein kräftiges Aroma.

Im Juni 2006 wurde die geradflächige Stirnwand der weitgehend erhaltenen Originalanlage des großen gemauerten Steinbackofens freigelegt.

Im Zeitraum 2007-2008 konnte der Backofenbau mit tunnelförmigem Herdraum

  • restauratorisch rückgebaut,
  • bauhistorisch untersucht und
  • nach historischem Vorbild zum dörflichen Brotbacken wieder instand gesetzt werden.


Der zu Beginn des 20. Jahrhunderts stillgelegte Backofen befindet sich im mittleren Anbau des Dorfbackhauses, wohingegen die Befeuerung und Bestückung vom Haupthaus aus erfolgte.

Die Brennkammer liegt auf einer gemauerten Tonne in der gestapelt küchenfertiges Brennholz zum Trocknen lagerte.

 

Freigelegte ovale Backfläche (3,20 x 2,60 m) mit teils stempelgeprägten Ofensteinen

 

Die konstruktive Ausführung des Innenbefeuerungsofens der Originalanlage umfasste ehemals die ovale Herdsohle (Backplatte), das walzenförmige Herdgewölbe (Brennkammer) und drei Zugkanäle.

 

Drei über dem Backofengewölbe freigelegte Zugkanäle mit Abzugsöffnungen


Backofen mit herzoglich "vorbeschriebenen Maasse"

Nach der von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel im Juli 1744 erlassenen Verordnung sollen

  • die "neu anzulegende Back-Oefen nur ¾ Ellen in der Höhe halten" (42,8 cm; Baudokumentation: 35,0 cm)  
  • Der Boden soll von "Barnsteinen 2 Steine hoch gemachet werden" (Baudokumentation: doppel-lagige Herdplatte)
  • Das "Ofen-Loch soll eine Elle breit (57,07 cm; Baudokumentation: 58,0 cm) und 1½ Viertel hoch gemacht" (21,4 cm; Baudokumentation: 21,0 cm) und auch mit "einer eisernen Thür verwahret" werden.

Überraschenderweise wies der vorgefundene Original-Backofen eine Backfläche mit stempelgeprägten Ofensteinen (Schamotteziegel) auf, deren Herkunft teilweise auch auf die "Fürstenberger Porzellanfabrik" (Porzellanmanufaktur Fürstenberg) zurückzuführen ist. 

Das Herdgewölbe war aus Backsteinen gemauert und zur Hitzehaltung von einer isolierenden, feinpulvrigen „Lehmverpackung“ umgeben.

Drei dem Ofengewölbe aufliegende und mit Eisenschiebern versehene Rauchkanäle erlaubten es dem Bäcker, die Luftzufuhr und Temperaturverteilung im Herdinnern von der Stirnwand des Backofens aus manuell zu steuern.

Der vorgefundene „Dreizugofen“ wurde wahrscheinlich 1828 im Kontext mit dem Bau des neuen Gemeindebackhauses errichtet, vermutlich in den 1870er Jahren erneuert und längstens bis um 1907 betrieben.

 

 

Orginal-Bauantragszeichnung & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental