Jahrhundertealter Grenzraum in der Sollingregion

Klaus A.E. Weber

 

Der „Hellentaler Graben”

Geografisch gesehen, liegt das Hellental in der Region Süd-Ost-Niedersachsen, landschaftsräumlich im Weserbergland.

Geologisch betrachtet, ist das Hellental ein Teilgebiet der von Südwesten nach Nordosten, von Meinbrexen an der Weser bis Merxhausen und Denkiehausen mit dem Heukenberg, das mächtige Sollinggewölbe geradlinig querenden Grabensenke, die „Hellentalfurche“ [1], in der jüngere Gesteinsschichten wie Unterer Muschelkalk als präoligozän versenkte Schollen und Tertiär liegen.

Das Hellental ist ein optisch reizvolles, in diese Grabensenke hinein entwickeltes Muldental in der südniedersächsischen Mittelgebirgslandschaft, im nördlichen Massiv der Buntsandsteinkuppel des Sollings.

Die auffällige Landschaftsform des „Hellentaler Grabens” ist ein erdgeschichtliches Zeugnis von besonderer Seltenheit und Schönheit zugleich und kann als kleines regionales „Archiv” der erdgeschichtlichen Entwicklung angesehen werden.

Im Naturraum Hellental kann man in engster Nachbarschaft unterschiedliche geologische Formationen antreffen, wie beispielsweise den für das Solling-Mittelgebirge typischen Buntsandstein, Muschelkalk und eiszeitliche Fließerdebildungen, aber auch imponierende Karsterscheinungen, wie Bachschwinden und Erdfälle.

An diese „geradlinig gestreckte Achse des kleinen Hellentals“ lehnt sich die den Solling querende Grenze des alten Landes Braunschweig an.[2]


Blick vom Heukenberg bei Merxhausen in das Hellental - ein historischer Grenzraum

Mai 2017

 

„Die Grenze” im „Tal der 200 Quellen”

Die Talsohle des Hellentales kann auch als historisches „Grenzland” faszinieren, begleitet von erhaltenen, regionalgeschichtlich bedeutsamen Original-Grenzsteinen mit territorialer Kennzeichnung.

Der landschaftsprägende Bach des Hellentals ist die weitgehend naturnah erhaltene, „muntere Helle“, die mit einem erheblichen Gefälle mäandrierend das tief in den Solling eingeschnittene Wiesental munter und schnell durchfließt.

Die Helle ist in wirtschaftlicher Hinsicht immer ein völlig unbedeutender Sollingbach gewesen.

Zugleich ist die Helle seit Jahrhunderten ein territorialer Grenzbach mit teilweise erhaltenen Grenzsteinrelikten als Zeugen einer bewegten Regionalgeschichte.

Im Dorf Hellental wird der Mittelgebirgsbach daher noch heute „Die Grenze“ genannt.

Insbesondere im Frühjahr plätschern aus vielen Verwerfungsquellen gespeist kleine Rinnsale und Bäche die mehr oder minder steilen Berghänge beiderseits der Helle die Wiesen herunter, weshalb das Hellental früher auch als „Tal der 200 Quellen“ bezeichnet wurde.

 

Historischer Grenzverlauf am Heukenberg & entlang des Hellentals

Der alte Weserdistrikt des ehemaligen Herzogtums Braunschweig, aus dem 1832 der Alt-Kreis Holzminden als politisch-geografische Gemeinwesen hervorging, war einst eine vom braunschweigischen Kernland weit entfernt gelegene Großexklave.

Geografisch lag der Weserdistrikt im Wesentlichen zwischen den beiden Flüssen Weser und Leine und grenzte im


Territorial- wie vor allem kirchengeschichtlich sind hierbei die Grenzbereiche

bedeutsam.

Seit alters her trennen politisch-administrative Grenzen Staats- und abhängige Gebiete voneinander, innerstaatlich zudem auch Verwaltungseinheiten, wie auch ein Blick in die langjährige Geschichte des Landkreises Holzminden eröffnet.

Wie alle Grenzen und ihre Verläufe, so sind auch jene des ehemaligen Weserdistrikts und heutigen Landkreises Holzminden ein Produkt äußerer wie innerer historischer, politischer und territorialer Entwicklungen.

Sie sind insbesondere das Ergebnis einer politischen Territorialisierung von Herrschaftsansprüchen und früherer Verwaltungsorganisation.

In der Regel sind Grenzverläufe geometrisch definiert, deren festgelegte Linienführung oft Grenzzeichen bzw. bauliche oder landschaftsgestaltende Maßnahmen markieren.

Im Rahmen territorialer Ordnungen mit Herrschaftsgewalt im begrenzten Raum wurden Grenzverläufe sukzessive linear und feststehend.

Seit dem Mittelalter wurden sie zunächst durch Gräben, Wälle, Bäume oder Hecken markiert, bevor sie seit der Frühen Neuzeit zunehmend durch Steinsetzungen gekennzeichnet wurden.

Weitere Betrachtungen belegen, wie gerade ältere Grenzziehungen im Laufe der Zeit dazu führten, dass sich kleinräumige Sprach- und Kulturgrenzen entwickelten.

Wie bei anderen Staatsgebieten, so war ehemals auch die Gesamtheit der Fläche des Herzogtums Braunschweig – und in ihm der westlich gelegene Alt-Kreis Holzminden – von künstlichen und natürlichen Grenzen umgeben.

Grenzverläufe können mit ersichtlichen naturräumlichen Barrieren (z.B. Höhenzüge, Bachverläufe) zusammenfallen, nicht selten begleitet von Grenzbefestigungen, Grenzbäumen, Grenzsteinen und/oder anderen territorialen Markierungen.

Insbesondere bestimmten auch kleinräumige Eigentumsverhältnisse den Verlauf landesherrlicher Grenzziehungen.

Von seiner territorialen wie natürlichen Grenzlage im nördlichen Sollingmassiv war die Zugehörigkeit des Hellentals zum vormals bestehenden Land Braunschweig maßgeblich gekennzeichnet und topographisch von naturräumlichen Elementen geprägt.

 

Grenzstein zwischen Land Hannover und Land Braunschweig

gegenüber dem "Grenzkrug" nahe Merxhausen

Mai 2016

 

Historischer Grenzverlauf im langgestreckten Hellental  

Ein Abschnitt der Südostgrenze des Landkreises Holzminden zieht sich über die Höhenlinie des Ohlenbergs und Heukenbergs zu der Tiefenlinie des tertiären „Meinbrexen-Merxhausen-Grabens“.

Der Grenzverlauf endet südlich im oberen Hellental am „Dreiämterstein“, an dem sowohl das Herzogtum Braunschweig als auch das Hochstift Hildesheim und das Fürstentum Göttingen Anteil hatten.                   

Seit Ende des 15. Jahrhunderts folgten der Grabenstruktur des Hellentals die natürlichen Territorialgrenzen zwischen dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Hochstift Hildesheim und Fürstentum Calenberg, später Kurfürstentum Hannover und Königreich Hannover.

Längs des im Hochmoor Mecklenbruch entspringenden Mittelgebirgsbachs Helle verlief bereits im Mittelalter eine bedeutende Landesgrenze.

Ältere Hellentaler Dorfbewohner bezeichnen daher noch heute den in der muldenförmigen Talsohle fließenden Helle-Bach als „Die Grenze“.

Als erhaltene Relikte zeugen noch heute die im Hellental errichteten Landes- und Ämtergrenzsteine sowie forstliche und fiskalische Abteilungssteine von den jeweiligen herrschaftlichen Gebietsansprüchen in den vergangenen Epochen.

Diese teils mit Ordnungszahlen und –buchstaben gekennzeichneten Grenzsteine sind stille Zeugen eines alten Grenzraums in der Landschaft des Hellentals.

Die eingemeißelten Ordnungsbuchstaben und –zahlen geben Auskünfte darüber, von welcher Gebietskörperschaft der jeweilige Landes- oder Ämtergrenzstein vormals gesetzt wurde.

Die Setzung der Grenzsteine mit den Bezeichnungen HB / KH (Herzogtum Braunschweig / Königreich Hannover) erfolgte im Zeitraum 1814-1828.

Bei der 1901 durchgeführten Grenzfeststellung wurde erstmals der Grenzabschnitt im Hellental versteint und mit den Hoheitszeichen B/P (für Braunschweig und Preußen) gekennzeichnet.

Im Naturschutzgebiet des oberen Hellentals steht versteckt am Ufer der Helle, am Zusammenfluss mit einem kleineren Nebenbach, ein besonderer braunschweigischer Hoheitsgrenzstein: der 1828 gesetzte dreikantige "Dreiämterstein".

Hier im "Hellen Thal" grenzten in einem Schnittpunkt dreier Amtsbereiche und herrschaftlicher Territorien - als „Dreiländer-/Ämterecke“ - direkt aneinander:

 

Der im Jahr der Setzung des "Dreiämtersteins" aufgenommene herzogliche Landesgrenzplan gibt mit dem Flurnameneintrag „Der Glaseplack“ einen kartografischen Hinweis auf die große frühneuzeitliche Glashütte "Oberes Hellental" am „rothen Wasser“, unterhalb der Anhöhe „Der Räuberbrink“ und zwischen den braunschweigischen Hellenthaler und den hannoverschen Mackenser Wiesen gelegen.

In seinem „Niedersächsischen Skizzenbuch“ beschrieb Hermann Löns (1866-1914) zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Das Hellental“ und darin u.a. auch den Verlauf des Helle-Baches und der Landesgrenze:

"Das Tal, [...], hat von alters her den Namen Hellental.

In seinem Grunde, neben dem sich ein hellroter Fahrweg entlangzieht, läuft die Grenze zwischen Braunschweig und Hannover entlang, und es ist so schmal, dass die Hirsche, die hüben und drüben hinter den Gattern stehen und sich im Herbste wütend anschreien, einander wittern können, wenn der Wind danach ist."

 


Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


Literatur

CREYDT, DETLEF, HILKO LINNEMANN, KLAUS A.E. WEBER: Die historische Landesgrenze des Kreises Holzminden zum ehemaligen Hochstift Hildesheim. In: Jahrbuch 2007 für den Landkreis Holzminden. Bd. 25. 2007, S. 41-68.

WEINREIS, HORST: Wege, Steine und Gräben. Zeugnisse der Vergangenheit im Solling, Revier Nienover. Teil I. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2008, S. 9-21.

WEINREIS, HORST: Wege, Steine und Gräben. Zeugnisse der Vergangenheit im Solling, Revier Nienover. Teil II. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2008, S. 11-20.

 


[1] MODERHACKL 1979, S. 3.

[2] MODERHACK 1979, S. 11.