Mannsfeld 1957

Klaus A.E. Weber │ Christel M. Schulz-Weber

 

Mannsfeld

  • Vertretung als Lehrer in Hellental: 16. November 1957

 

Sein Bericht vom 29. Juni 1958 [1]

„Vom zuständigen Schulrat erhielt ich mündlich den Auftrag, während des Krankheitsurlaubs des Koll. Rodbarth in Hellental zu vertreten.

Am 16. Nov. 1957 begann die Vertretung.

Zuvor war ich schon häufiger in der Schule und auch bei Elternversammlungen anwesend.

Unbekannt war ich also weder Schülern noch Eltern.

Mir war klar, daß die Vertretung sich über eine längere Zeit erstrecken würde.

Ich selbst werde in Merxhausen, meinem Dienstsitz, von Frau Lohmann vertreten.

Frau L. erteilt Unterricht in Heinade.

Heinade muß sich während meiner Vertretungszeit hier in Hellental mit einer Lehrkraft begnügen.

Koll. Hahne – Heinade ist darüber weniger begeistert.

Ein Zeichen der Lehrerknappheit im Zeichen des sog. Wirtschaftswunders im Jahre 1957/58.

Ich kam nicht gerade mit großen Erwartungen.

Daß aber der Unterricht so schwer werden würde, hätte ich nicht erwartet.

Disziplin der Klasse und Beteiligung am Unterricht war wohl so negativ, wie ich es noch nicht erlebt habe in meiner nunmehr über 30-jährigen Lehrertätigkeit.

Es gab Zusammenstöße mit den Kindern in der ersten Zeit meiner Vertretung am laufenden Band.

Polizei, Regierung, anzeigen, dem Vater sagen usw. waren an der Tagesordnung.

Es war alle Nervenkraft notwendig, diesem Übel zu steuern.

Als letzter Akt blieb eben nur die Handgreiflichkeit.

Einige Kinder taten sich besonders hervor.

Sie mußten allerdings den anderen Wind am eigenen Leibe verspüren.

Um den Unterricht in normale Bahnen zu lenken, mußte eben das letzte Mittel angewendet werden.

Die Leistungen der Jahrgänge, und zwar aller Jahrgänge, waren entsprechend.

Schularbeiten wurden nicht angefertigt, häusliche Arbeiten waren verpönt, Entschuldigungen für Fernbleiben vom Unterricht gab es nicht, beim Zuspätkommen kam man ohne anzuklopfen und einen „Guten Morgen“ und ohne ein Wort der Entschuldigung in die Klasse.

Bis Weihnachten aber hatte sich das äußere Bild der Klasse schon gewandelt.

Von Leistungen konnte aber um diese Zeit und kann auch heute noch keine Rede sein.

Drei Elternversammlungen hielt ich bis zu den großen Ferien ab.

Um die Schule wieder auf einen Mindeststand zu bringen, mußten Eltern und Gemeinde mit eingespannt werden.

Ich gab den Eltern ein ungeschminktes Bild vom Zustand ihrer Schule.

Auch der Hinweis, daß die Eltern sich mitschuldig gemacht haben, fiel in jeder Versammlung.

Die Eltern hingegen machten eben den Lehrer verantwortlich.

Auf meinen dringenden Appell und auf vorgebrachte Beweise, gaben sie aber klein bei und versprachen eine Mitarbeit zum Wohle ihrer Kinder.

Im Unterricht war es besonders erschwerend, daß jeder Jahrgang eigene Rechen- und Lesebücher hatte.

Sprachlehre- und Realienbücher waren überhaupt nicht vorhanden.

Nach den Osterferien wurden für die einzelnen Gruppen neue Bücher angeschafft.

Ein „Realienbuch“ fehlt allerdings noch, da das zur Einführung beabsichtigte Buch „Welt und Leben“ z.B. vergriffen ist.

Es muß eben nach Erscheinen von meinem Nachfolger angeschafft werden.

Da Herr Rodbarth zum 1.4.58 pensioniert wurde, mußte die Stelle ausgeschrieben werden.

Um einen geeigneten Lehrer zu bekommen, entschloß sich die Gemeinde, tief in den Geldbeutel zu greifen, um die Stelle anziehend zu machen.

Versäumtes wird jetzt nachgeholt.

Während meiner Vertretungszeit wurden folgende Arbeiten ausgeführt:

1. Klassentür wurde zum Zumachen wieder hergerichtet.

2. Mutwillig abgebrochene Kleiderhaken wurden durch neue ersetzt.

3. Flur wurde neu mit Fliesen belegt, die alten Sandsteinplatten verschwanden.

4. Im Schulflur wurde eine Zapfstelle mit Waschgelegenheit und Spiegel angebracht.

5. Schulflur und Klassenraum sollen während der Sommerferien gestrichen werden.

6. Im Gemeindeetat ist vorgesehen, die Abflußleitungen aus den Wohnungen zu kanalisieren.

7. Um eine Blendungsfreiheit an der Wandtafel zu erreichen, muß eine neue Lichtleitung gelegt werden. (Ist beantragt und auch genehmigt).

Angeschafft wurden:

1. Kartenständer

2. Neuer moderner Klassenschrank, anstelle zweier alter Kleiderschränke.

3. Verschiedene Landkarten und ein Geschichtsfries

 

Entlassen wurden Ostern 1957/58:

2 Mädchen - Heidi Greinert – sie verzog sofort nach Osterode/Harz

Edeltraut Meier – Schneiderlehrling

4 Knaben       Alfred Kniest – verzog nach Solingen wollte das 9. Schuljahr besuchen

                        Arnold Schäfer

                        Friedhelm Matulinski

                        B. Wahl

Am Probeunterricht an der „Rainald-von-Dassel-Schule (Mittelschule) nahmen 9 Kinder teil.

Angenommen wurde kein Kind.

Anfang Juni 58 sah sich ein Koll. aus der Bremer Gegend die ausgeschriebene Stelle an.

Er verzichtete aber zu Gunsten Harderodes.

Ob nach den Sommerferien mit einer endgültigen Besetzung der Stelle zu rechnen ist, ist noch fraglich.

Zu wünschen wäre es.

Gesamtkinderzahl zu Beginn des neuen Schuljahres 1958/59  36 Kinder.

Durch Zuzug erhöhte sie sich bis zu den Sommerferien auf 39 Kinder.“

 

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[1] NLA WO, 99 N 691.