Branntwein & Wachtmeister

Klaus A.E. Weber

 

Kuppa eines Branntwein-Glases mit Blaurand

 

Der preiswerte Schnaps

Als einer der zentralen Schlüssel zum Verständnis einer Kultur gelten der gesellschaftliche Umgang mit dem trinkbaren Alkohol und die staatlichen wie auch andere Versuche, dessen Produktion und Verbrauch zu regulieren.

Regional unterschiedliche Traditionen in der Trinkkultur blieben hierbei dennoch wirkungsmächtig.

Auf dem agrarischen Land besaßen nur die Klöster und landesherrlichen Domänen das Braurecht, da die hier abhängig Beschäftigte, wie die Bauern, zu versorgen waren.

Dem gegenüber war das Brennen von Branntwein ein freies Gewerbe, welches sich zu einem wichtigen Nebengewerbe auf dem Lande entwickelte.

Der durch Destillation gewonnene Branntwein (Schnaps) war bis tief in das 19. Jahrhundert hinein ein weit verbreitetes, im Vergleich zum Bier, vergleichsweise billig herstellbares und haltbareres berauschendes alkoholisches Volksgetränk.

Bereits seit dem 17. Jahrhundert war der Schnaps ein Konkurrenzgetränk zu Bier und Wein, das aus Korn, Kartoffeln und Früchten unkompliziert gebrannt und zuhause wie auch in Wirts- oder Gasthäusern verzehrt werden konnte.

 

„Verderbliche Tyrannei“ - Das „Brannteweinsaufen“ im Solling

Der Konsum von Branntwein spielte gerade in den "schlechten Jahren" im gesamten Solling eine bedeutende Rolle – am herzoglichen Hofe in Braunschweig gescholten als „Brannteweinsaufen“ und „verderbliche Tyrannei“.

Die im Solling weit verbreitete Trunksucht diente wohl auch der psychischen Entlastung vom alltäglichen wirtschaftlichen und sozialen Druck.

Bei den äußerst schlechten, materiell und sozial benachteiligenden Lebens- und Arbeitsbedingungen sahen viele Dorfbewohner*innen im preiswerten Branntweintrinken die einzige Möglichkeit, diese überhaupt psychisch ertragen und der drohenden Depression entfliehen zu können.

So beschreibt STEINACKER zu Beginn der 1830-er Jahre beispielhaft, dass die Verdienste der Leinenweber nach Einführung des englischen Fabrikwesens erheblich zurückgegangen waren und hierdurch eine problematische Entwicklung einsetzte.

Aber das Branntweintrinken war nicht die Ursache, als vielmehr eine Folge der Verarmung.

Zudem diente der Branntwein noch während der Ernährungskrisen der 1840-er Jahre großen Bevölkerungsteilen als wichtiger Kalorienlieferant.

Allerdings gilt es hierbei zu berücksichtigen, dass ein Tagelöhner um 1850 pro Tag 16 gute Groschen (192 Pfennige) verdiente und der Preis für eine Kanne Branntwein (1,9 l) 10 gute Groschen und 8 Pfennige (128 Pfennige) betrug.

Das Branntweintrinken wurde letztlich zum legalen Drogengebrauch und in der Folge auch vielfach zur schweren stoffgebundenen Sucht in der Sollingregion.

 

Schnapsglas Typ "Wachtmeister" │ Höhe: 11,8 cm

norddeutsch/Solling │ um 1800

HISTORISCHES MUSEUM HELLENTAL

 

"Wachtmeister" fürs Schnapstrinken

Während der der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand in Norddeutschland mit breitem Formenspektrum ein spezieller Schnapsglastyp als volkstümliches Gebrauchsglas - der beliebte, kompakte und dickwandige "Wachtmeister".[1]

Das abgebildete mundgeblasene, kompakte, 11,8 cm hohe farblose Branntwein-Glas mit Hohlschaft (Blase), dicker, getreppter Fußplatte und trompetenförmiger Kuppa kann dem Solling als Entstehungsort zugeordnet werden, entstanden im Zeitraum um 1800.[1][2]

 

Fotografien:

© Klaus A.E. Weber, Hellental

____________________________________________

[1] HELLER 2020.

[2] vergl. WIELAND 2020 Abb. 17, 18, 25.