"Hexenkraut für Holzfäller"

Klaus A.E. Weber

Hellentaler Schnitzarbeit „Waldarbeiter“ │ 1990

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber


Echtes Johanniskraut [Hypericum perforatum] wird seit der Antike als Heilpflanze (Arzneipflanze) verwendet, volksmedizinisch als Tee und Tinktur.

Die Heilpflanze wurde gerade auch von den Waldarbeitern (Holzhauern) des Sollings verwendet.

Wie SCHÄFER [1] hierzu darlegte, besaß der Waldarbeiter August Reuter, der von 1882 bis 1974 in Schönhagen lebte, großes Wissen über Heilpflanzen.

In seiner „kleinen Waldapotheke“ sei das Johanniskraut das wichtigste Heilmittel gewesen, das volkstümlich auch als „Hexenkraut“ bezeichnet wurde.

Aus den von August Reuter schriftlich hinterlassenen Angaben lassen sich teils noch heutige Anwendungen des entzündungshemmenden „Hexenkrautes“ nachlesen.

Das „Johannisöl“ wird äußerlich angewandt als Einreibemittel bei Hexenschuss, Gicht, Rheuma, zur Schmerzlinderung nach Verrenkungen und Verstauchungen, zur Wundheilung, bei Blutergüssen und Gürtelrose.

Mittels eines Ansatzschnapses aus Blüten und Kraut werden Einschlafstörungen und innere Unruhe behandelt.

Aus ausgeschmolzenem Fett von Hirschen stellten Wilddiebe der Sollingregion Hirschtalg her, der seit dem Mittelalter als Zutat zu Salben bei der Behandlung von Hautschäden und Hautverletzungen medizinische Anwendung fand.

Die Echte Arnika [Arnica montana] - auch "Bergwohlverleih" genannt – zählt zu den ältesten und kräftigsten Heilpflanzen der Mittelgebirge - allerdings auch zu den Giftpflanzen.

Ihre Blüten wirken wundheilend, entzündungshemmend und antiseptisch.

Die Arnikatinktur bzw. der Arnikaschnaps werden stets äußerlich angewendet, wobei sich Umschläge aus verdünnter Arnika-Tinktur eignen, Gewebe bei Verstauchungen zu regenerieren und Stoß-, Fall-, Stich- und Schnittverletzungen zu behandeln.

So ist aus Silberborn überliefert, dass die dortigen Dorfbewohner die Arnikablüten auf ihren Waldwiesen sammelten und als Heilpflanze intensiv nutzten, wie wohl auch andere Sollingdörfer.

Kulturell bedeutsam ist dabei, dass die Echte Arnika zu den alten „Zauberpflanzen“ zählt, worauf hier im Solling der volkstümliche Name „Johannisblume“ hindeutet.

In das volkstümliche Brauchtum übergegangen, galten die am Johannistag - dem 24. Juni, dem Tag der Sonnenwende – „mittags zwischen elf und zwölf Uhr“ gesammelte Blüten der leuchtend gelb blühenden Pflanze als besonders heilkräftig.

Besondere Heilkraft wurde auch so mancher Quelle im Solling zugeschrieben, so beispielsweise dem Wasser der Ahlequelle bei Neuhaus zur Warzenbehandlung.

Von Ausführungen zur Anwendung von Eigenurin oder erhitztem Urin und von in kochendem Wasser aufgelöstem Hühnerkot sei an dieser Stelle abgesehen.

 

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[1] Mit ihrem regionalgeschichtlichen und medizinhistorischen Vortrag „Hexenkraut für Holzfäller“ sind Dr. Wolfgang Schäfer (Sozialwissenschaftler, Bodenfelde) und Dr. Klaus A.E. Weber (Sozialmedizinier, Hellental) in Hellental, Dassel und Boffzen 2013/2014 Spuren der Volksmedizin im Solling nachgegangen.