Historische Landesgrenze - mit Grenzmarkierungen

Klaus A.E. Weber

 

Blick vom Heukenberg auf den von dort kommenden geradlinigen Grenzverlauf (Wallhecke) zum Steinberg │ Mai 2020

Königreich Hannover („KH”) │ Herzogtum Braunschweig („HB”)

© HGV-HHM, Foto: Klaus A.E. Weber

 

"Die ewige Grenze" [9]

Der alte Weserdistrikt des ehemaligen Herzogtums Braunschweig, aus dem 1832 der alte "Kreis Holzminden" [4] als politisch-geografische Gemeinwesen hervorging, war einst eine vom braunschweigischen Kernland weit entfernt gelegene Großexklave.[6]

Geografisch lag der Weserdistrikt im Wesentlichen zwischen den beiden Flüssen Weser und Leine und grenzte im

 

[7]

 

Territorial- wie vor allem kirchengeschichtlich sind hierbei die Grenzbereiche

bedeutsam.

Seit alters her trennen politisch-administrative Grenzen Staats- und abhängige Gebiete voneinander, innerstaatlich zudem auch Verwaltungseinheiten, wie auch ein Blick in die langjährige Geschichte des Landkreises Holzminden eröffnet.

Wie alle Grenzen und ihre Verläufe, so sind auch jene des ehemaligen Weserdistrikts und heutigen Landkreises Holzminden ein Produkt äußerer wie innerer historischer, politischer und territorialer Entwicklungen.

Sie sind insbesondere das Ergebnis einer politischen Territorialisierung von Herrschaftsansprüchen und früherer Verwaltungsorganisation.

In früheren Zeiten bestand der Begriff "Schnad" als ältere Bezeichnung für eine territoriale Grenze, die in einem Grenzvertrag festgelegt und deren Verlauf beschrieben wurde, wiederkehren mit Ungenauigkeiten verbunden.[3]

In der Regel sind Grenzverläufe geometrisch definiert, deren festgelegte Linienführung oft Grenzzeichen bzw. bauliche oder landschaftsgestaltende Maßnahmen markieren.

Im Rahmen territorialer Ordnungen mit Herrschaftsgewalt im begrenzten Raum wurden Grenzverläufe sukzessive linear und feststehend.

 

Nicht unumstrittene Darstellung des Sollings im 12. Jahrhundert nach FÖRSTER [8]

 

Seit dem Mittelalter wurden Grenzen zunächst durch natürliche Geländeformen markiert, wie Bachläufe, Waldkanten, Grenzgräben, Wälle, große Bäume oder Hecken.

Seit dem 16. Jahrhundert wurden sie zunehmend durch Steinsetzungen unter Verwendung von behauenen Grenzsteinen mit Inschriften, Jahreszahlen oder landesherrlichen Wappen gekennzeichnet.[3]

Die Landesgrenze zwischen dem

  • Königreich Hannover: eingehauen „KH” │ nach 1866: „P” für Preußen

  • Herzogtum Braunschweig: eingehauen „HB”.

ist hierfür ein historisches Beispiel.

Weitere Betrachtungen belegen, wie gerade ältere Grenzziehungen im Laufe der Zeit dazu führten, dass sich kleinräumige Sprach- und Kulturgrenzen entwickelten.

Wie bei anderen Staatsgebieten, so war ehemals auch die Gesamtheit der Fläche des Herzogtums Braunschweig – und in ihm der westlich gelegene Alt-Kreis Holzminden – von künstlichen und natürlichen Grenzen umgeben.

Grenzverläufe können mit ersichtlichen naturräumlichen Barrieren (z.B. Höhenzüge, Bachverläufe) zusammenfallen, nicht selten begleitet von

und/oder anderen territorialen Markierungen.

Insbesondere bestimmten auch kleinräumige Eigentumsverhältnisse den Verlauf landesherrlicher Grenzziehungen.


 

Markierte Landesgrenze: Mittig auf der Grenzlinie stehender Grenzstein und Grenzwall beim Steinberg bei Merxhausen [4] │ Mai 2020

  • Grenzstein mit Inschrift "KH│HB" auf der linearen Grenze mit flachem Wall │ Wiese oberhalb des Steinbergs
  • Aufgeschütteter Grenzwall

© HGV-HHM, Fotos: Klaus A.E. Weber


Historische Beschreibungen & Kartenwerke

 

1578 - Rechtsstreit wegen des Grenzverlaufes

Im Jahr 1578 brach vor dem Reichskammergericht ein heftiger Streit um den Besitz des zentral im Solling liegenden Breitensteinschen Bruchs zwischen dem Fürstentum Calenberg und dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel aus.

Hauptsächlich ging es aber um die Forstnutzung.

Für den Gerichtsprozess wurde von beiden Seiten der Grenzverlauf durch den Solling beschrieben.

So findet sich in der Stellungnahme des calenbergischen Anwalts folgende Grenzbeschreibung:

„... Im ampt Erichsburgk am hammer forde ihrenn annfanng habe, unnd erstrecke sich vonn d[ar] uber d[a]z Rodelanndt denn Rosennweg uf unnd wid hirnabe, biß auf d[a]z wasser hole, von wasser fluß denn Helldall uff, wie d[er] waßerfluß außweysett, biß ann d[a]z meckelnbruch ...“.[1]

Ähnlich beschreibt auch der Anwalt der Gegenseite den Grenzverlauf:

„... nemblich von dem Hammerfurde an, die Hammer Hutten hinauf, fur dem Dasselschen Knicke auf, von dar die Winter liedt hin, den Roseweck nieder, das Helle thall hinauf, die Fluten entlang, biß auf d[a]z Mechelnbrugk ...“.[2]

In den Prozessakten werden erstmals Hammerhütten (Eisenhütten) bei Merxhausen erwähnt, die aber bereits 1596 nicht mehr arbeiteten.

Aufgrund erneuter Grenzstreitigkeiten, diesmal zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Hochstift Hildesheim, wird die Eisenhütte ein weiteres Mal erwähnt.

1707 hatte das Hochstift Hildesheim Grenzpfähle gesetzt, um Wilddiebe besser bekämpfen zu können.

Der Braunschweiger Herzog akzeptierte alle Grenzzeichen – bis auf eins.

In dem schmalen Tal zwischen Merxhausen und Mackensen setzte er die Grenze im „3. Hammerschlag“ fest und ließ dort den Pfahl errichten.

Um diesen Grenzpfahl wurde bis 1714 prozessiert, dann musste er wieder an seine alte Stelle zurückversetzt werden.

Den Prozessakten liegt eine 1708 angefertigte schwarze Tuschezeichnung bei, die die beiden Orte Merxhausen und Mackensen zeigt sowie den mitten durch das Bild verlaufenden Grenzgraben, den Grenzbaum und einen Palisadenzaun, der sich durch das Tal zieht und in eine Landwehr mit Hecke übergeht.

Der Blick des unbekannten Zeichners geht vom Steinberg hinüber zur Winterlieth im unteren Hellental.

In die Zeichnung eingetragen sind die Bezeichnungen „1. Schlag“, „2.“ (Hammerschlag) und „3ter Schlag“ .

 

1828 - Becker’sche Grenzvermessung

Im herzoglich-braunschweigischen Militärdienst stehend, erstellte Sergeantmajor G. Becker 1828 einen „Plan der Landesgrenze zwischen dem Herzogl. Braunschw. Kreisamte Eschershausen, und dem Königl. Hannöv. Amte Erichsburg-Hunnesrück“ [5], unterteilt in die beiden Kartenwerke:

(a) „Von dem Ende der Haynader Feldmark bis zum Haseleppelborn

(b) „Vom Wege von Lüthorst nach Wangelnstädt an, bis zu dem Punkte auf dem Heuckeberge wo die Haynader Feldmark mit der Merxhäuser zusammenstösst.“

Bei dem Kartenwerk (a) ist der handschriftliche Vermerk eingefügt:

Die Grenze zwischen den Hoheitsgrenzsteinen No. 42 und [?] am rothen Wasser ist auf Grund der Grenzfeststellung vom 25. April 1901 versteint un aufgemessen worden. Die Kartierung dieser Grenze befindet sich auf Karte II No. 23 a - Braunschweig, 11. August 1901 - P. Wolff“; mit Stempel: „Eigentum der Landesökonomiekommission Braunschweig

und bei dem Kartenwerk (b) ein Stempel: „Hierzu Protokoll QI/57“.

 

1901 - Grenzfeststellung

Aufgrund der Grenzfeststellung vom 25. April 1901 fertigte der Braunschweiger „Landes-Oeconomie-ConducteurP. Wolff eine „Karte von der Hoheitsgrenze am s. gen. rothen Wasser zwischen den Feldmarken Merxhausen und Mackensen“ auf, von „Nullpunct 1“ bis „47“, ebenfalls mit Stempel: „Eigentum der Landesökonomiekommission Braunschweig“.

Im Juli 1901 erstellte der „Landes-Oeconomie-ConducteurStender eine „Karte über die Hoheitsgrenze zwischen der preußischen Feldmark Mackensen und den braunschweigischen Feldmarken Heinade und Denkiehausen von den Steinen № 23 bis 30 und № 35 bis 40“ als „Ergänzungskarte zu IV № 24“ (Maßstab: 1:2.000).

Beide Kartenwerke des Jahres 1901 beziehen sich als Ergänzung auf die oben genannte Becker’sche Grenzvermessung von 1828.

 

1839 - Versteinung der  preußisch-braunschweigischen Grenze

Nach SIEBECK [4] wurde im Jahr 1839 die Landesgrenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Herzogtum Braunschweig auf einer Länge von 28,5 km durch 290 große Grenzsteine gemeinsam neu markiert,

Dabei steht auf der westlichen Seite ein  "P" für Preußen mit der Jahreszahl 1839 und auf der östlichen Seite ein "B" für Braunschweig mit der laufenden Nummer.

 

1896 - Preußische Landesaufnahme

In den Jahren 1877-1912 wurden auch für das Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen die Erstausgaben der Topographischen Karte 1:25.000 (TK 25) als Preußische Landesaufnahme (Meßtischblätter) aufgenommen.

Wegen des großen Aufwandes hatte auch das Herzogtum Braunschweig dem Preußischen Staat die Vermessung und die kartographische Darstellung seiner Landesflächen übertragen.

Für den hier behandelten Grenzverlauf wurde die Vermessung 1896 durchgeführt.[5]

 

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[1] 2007 Hinweis von Michael Koch, Höxter, der anlässlich seiner sich in Vorbereitung befindenden Dissertation über diesen Prozess gearbeitet hat.

[2] NLA WO, 26 Alt Nr. 1405.

[3] SIEBECK2010, S. 33.

[4] SIEBECK2010, S. 33-39.

[5] CREDT/LINNEMANN/WEBER 2007, S. 42-43 Abb. 1a/b.

[6] s. auch Kartograpische Quellen in REDDERSEN 1934, S. 8-15.

[7] TACKE 1943, S. 10 Abb. 1.

[8] FÖRSTER 1996.

[9] BLIESCHIES 2007, S. 134-137.