Forschungsstand im Umfeld des Hellentals

Klaus A.E. Weber

 

Vier zentrale Fragen: Was│Warum│Wie│Für wen

beim Blick in die Welt unter dem Boden des Hellentals

 

WEBER │ Forschungsstand Umfeld Hellental

2020-12-05

 

Glashütten zählen zu typischen historischen Kulturlandschaftselemente und -strukturen im Kulturlandschaftsraum "Solling, Bramwald- und Kaufunger Wald" sowie in der Naturräumlichen Region "Weser- und Weser-Leinebergland".[19]

Deren Erforschung umfasst mehrere miteinander verbundene Dimensionen:

  • handwerks-/technikgeschichtliche

  • kulturgeschichtliche

  • kulturlandschaftliche

  • kunsthistorische

  • sozialgeschichtliche

  • umweltgeschichtlich

  • wirtschaftsgeschichtliche

Die Naturräumliche Region "Weser- und Weser-Leinebergland" im Südwesten Niedersachsens (Oberweserraum) kann heute als "ein Kernraum der historischen Glaserzeugung Europas im Mittelalter bei hoher Anzahl im Gelände lokalisierter mittelalterlicher Hüttenplätzen, besonders aus dem 12./13. Jahahrhundert, auch aus dem 14./15. Jahrhundert" gekennzeichnet werden.[6]

Das 12./13. Jahrhundert war eine mittelalterliche Epoche der Herrschaft, Repräsentation und Frömmigkeit, geprägt von Burgen, Rittern, Klöstern und aufkommenden Städten.

In jenem Zeitraum erfolgte der epochale „Aufbruch in die Gotik“ mit technischen Innovationen.

Grundlegende Betrachtungen zur Siedlungsgeschichte und zum Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft im Oberweserraum finden sich in Veröffentlichungen von STEPHAN [6].

 

Erforschung der Sachkulturgruppe Glas

Die ehrenamtlich-konventionellen Untersuchungen im Umfeld des Hellentals haben Glashütten als Anlagen zur Glasherstellung und -verarbeitung im Fokus sowie die in ihnen hergestellen

  • Hohlgläser zur Aufbewahrung und Bereitstellung von Flüssigkeiten

  • Flachgläser für Fensterverglasungen.

Dabei werden, sofern überhaupt überliefert und fassbar, schriftliche und bildliche Quellen berücksichtigt, wie vor allem archäologische Zeugnisse.

Noch heute bestehen meist nur schwer zugänglich wenig erforschte archäologische Spuren mehrerer, vor allem mittelalterlicher Waldglashütten im Umfeld des lang gezogenen Sollingtals.

 

Wald- & Wanderglashütten 

Erst neuere Untersuchungen zeigten, dass der in der Glasforschung seit Jahrzehnten vernachlässigte Solling bereits 9. Jahrhundert und dann im späten 12. bis 14. Jahrhundert ein wichtiges Glasproduktionsgebiet war.[25]

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit von zugewanderten Glasmacherfamilien betriebene Glashütten waren Kleinbetriebe mit eigenständigen Siedlungen auf Zeit (Sozialräume), die abseits von Dörfern, Städten oder Gütern tief in den Laubwäldern lagen.

  • Sie werden wegen dieser Lage üblicherweise als „Waldglashütten“ bezeichnet.

War das Brennholz in der Umgebung der Glashütte aufgebraucht, zogen die Glasmacher mit ihren Familien und dem Viehbestand zum nächsten Standort.

  • Daher stammt die Bezeichnung „Wanderglashütten“.

Auch für das Umfeld des Hellentals ist zu bedenken, dass vor allem aus Gründen begrenzter Holzressourcen, der herrschaftlichen Jagd und um eine feste Ansiedlung von Glasmacherfamilien zu vermeiden, möglicherweise schon im Mittelalter Glashüttenstandorte konzessioniert wurden, indem Verträge des Grund- bzw. Landesherren die Dauer des Hüttenbetriebs auf nur wenige Jahre befristeten, was eine dem Holz folgende Wanderung der Glashütten implizierte.[27]

War das Holzvorkommen um die Glashütte erschöpft bzw. musste das Holz über eine zu große Entfernung herangeführt werden, wurde die Produktionsstätte meist talaufwärts (im Hellental) oder in ein benachbartes Tal (Seitental „Steinlah“) verlegt, wo wiederum Holz in ausreichender Menge vorhanden war.

Hierbei waren Tallagen oder die Quellnähe zur Wasserversorgung besonders wichtig.

Glasmacher waren bei ihrem Handwerk vorrangig auf die Nutzung einheimischer Rohstoffe angewiesen, die sie in den ausgedehnten Laubwäldern des Sollings und insbesondere im Nahbereich des Hellentales fanden.

Die hier zahlreich auftretenden Buchenbestände eigneten sich besonders gut für die Herstellung zunächst von Holzasche, später von Pottasche sowie zur Befeuerung der Glasöfen.

Für die Gründung eines Hüttenstandortes war es zudem unerlässlich, über eine ausreichende Wassermenge für den Hüttenbetrieb (Brauchwasser) und für die Versorgung der Menschen und des Viehs (Trinkwasser) verfügen zu können.

Auch diese wesentliche Rahmenbedingung wurde einst durch die zahlreichen, das Hellental entwässernden Bachläufe und Hangquellen („Tal der 200 Quellen“) erfüllt.

Gleichwohl das eng benachbarte spätmittelalterliche Aufblühen bedeutender Töpfer- und Glasmacherzentren eine gewerbliche Besonderheit des Sollings bedeutet [28], so konnten aufgrund der geologischen Gegebenheiten des Hellentals keine Töpfereistellen nachgewiesen werden.

 

Spitzentechnologie

Die Glashütten des Weserberglandes wie die des geamten Oberweserraum zählen mit ihrem "High Tech"-Exportgewerbe zu den bedeudensten historischen Glaserzeugungsgebieten Europas.[1]

Innerhalb dieses Glashüttengebietes gilt - neben den Mittelgebirgen Hils, Ith, Vogler und Homburgwald - gerade auch der waldreiche Solling als eine seit dem Frühmittelalter (9. Jahrhundert) wichtige rohstofforientierte Glashüttenregion.

In ihr wiederum dürfte das sozialräumlich abgelegene, agrarisch wenig nutzbare, hingegen aber wasser- und holzreiche Hellental ein bedeutendes Glasherstellungsgebiet gewesen sein, was eine Vielzahl archäologischer Relikte identifizierter, wüstgefallener Glashüttenanlagen belegt.

Das typische Waldglas jener Zeit besitzt eine grünliche Färbung („Grünglas“) und benennt die entsprechende Epoche der Glasgeschichte vom 12. Jahrhundert bis 17. Jahrhundert, die nicht zuletzt auch im Umfeld des Hellentals im Solling archäologisch fassbar wird.

Die Ursache hierfür liegt darin, dass der Quarzsand durch minimale Eisenanteile, die eine Grünfärbung herbeiführen, verunreinigt war.

Die Blütezeit des glasproduzierenden und –verarbeitenden Gewerbes der „wandernden“ Waldglashütten lag im 16./17. Jahrhundert.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Glashüttenwesen deutlich, indem technologisch weiterentwickelte und auf größeren Glaswarenabsatz orientierte, ortsfeste Manufakturen errichtet wurden.[14]

Im Braunschweigischen Weserdistrikt wurden zeitnah nebeneinander aus „merkantilistischem Geiste“ des Herzogs Carl I. im Jahr 1744 planmäßig fürstliche Glashütten im Solling, am Ith und im Hils gegründet. [15][17]

Hervorgegangen aus dem ortsgebundenen Werkweiler der stillgelegten Privatglashütte entstand um 1753 – am "Vorabend" des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) – das planmäßig angelegte Sollingdorf Hellental ("Colonie im Hellenthal") durch den Fürstlichen Landesausbau ("Neuer Anbau auf dem Lande") unter Herzog Carl I.

So sollte erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Werkssiedlung das Waldarbeiterdorf Hellental durch den staatlichen Siedlungsausbau hervorgehen.

Noch bestehen wenig erforschte archäologische Spuren mehrerer solcher Waldglashütten, die im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als so genannte Wanderglashütten, als kleine eigenständige Siedlungen außerhalb von Dörfern oder Gütern angelegt, von verschiedenen Glasmacherfamilien („Wanderglasmacher”, „Waldgläsner“) selbständig betrieben wurden.

Heute ist die hoch- bis spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Glasherstellung und -bearbeitung in Waldglashütten ein bedeutendes kulturhistorisches Erbe des Hellentals im nördlichen Solling.

 

Beziehungsdreieck der Glashütten

Die Glashütten des Sollings [6] lassen sich grob schematisiert in das sich wechselseitig beeinflussende Beziehungsdreieck

einordnen mit fundarmen mittelalterlichen und fundreicheren neuzeitlichen Hüttenstandorten.

Dabei konnten nach STEPHAN [7] im Solling bislang insgesamt 92 mittelalterliche und frühneuzeitliche Waldglashütten nachgewiesen werden.

Eine weitere betrieblich relevante Grundlage ist in der guten Verkehrsanbindung zu sehen (Land- und Wasserwege).

Diese Standortvoraussetzungen gut erfüllend, gab es Waldglashütten auch in den großen nutzbaren Waldungen rund um das Hellental.

 

Standort der mittelalterlichen Waldglashütte "Am Hasenlöffelborn" im Hellental │ Mai 2010

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

„Fliegende” Glashütten

Eine einfache „fliegende” Waldglashütte bestand aus einem Gebäude, in dessen Zentrum sich der mit Holz beheizte Glasschmelzofen (Werkofen) befand, das „Herz“ der Glashütte.

Dabei ist erkennbar, dass die die einstigen Glasmacher in örtlicher Selbständigkeit einer kleinteiligen Produktion nachgingen.

Im Zentrum der Werkhalle befand sich mutmaßlich der mit Buchenholz beheizte Typ eines liegenden, also länglich-rechteckigen Glasschmelzofens, in dem die Funktionen hintereinander angelegt waren.

Der mehrere Meter große Haupt-/Werkofen wurde aus roten, feuerbeständigen Sandsteinen (Sollingsandsteine) errichtet.

Er wies mehrere umrahmte, fensterartige Arbeitsöffnungen zur Entnahme flüssiger Glasmassen auf.

Im Ofeninneren mit einer Betriebstemperatur um ca. 1.200-1.300° C befanden sich zu beiden Seiten des Feuerungskanals Hafenbänke, auf denen mehrere, aus feuerfestem Ton gefertigte Schmelztiegel standen, „Hafen“ genannt (technische Keramik).

Wie die heutigen großen industriellen Schmelzwannen, so waren auch die kleinen Glashäfen sensible Konstrukte, die stetig auf Temperatur gehalten werden mussten.

Darüber hinaus gab es möglicherweise zusätzlich auch mehrere Nebenöfen oder Annexofenkonstruktionen am Hauptofen, u.a. zum allmählichen Heruntertemperieren der Gläser auf Umgebungstemperatur (Kühlöfen).

Die am "heißen Ende" der Produktion extrem heißen Glaserzeugnisse mussten - um nicht zu zerspringen - in sog. Kühlöfen langsam und kontrolliert abgekühlt werden.

Zudem gab es Frittöfen, in denen das Rohstoffgemenge zur Glasvorschmelze (Vorprodukt) in Frittetiegeln (Hafen) vorgefrittet wurde.[2]

Bei den Hüttenöfen handelte es sich um „liegende“, länglich-rechteckige Schmelzöfen, in denen die Funktionen hintereinander angelegt waren.

Der Hüttenboden bestand aus Lehm und die Hütte selbst war aus Holz errichtet.

Die Glashüttenbelegschaften wohnten samt ihren Familien in unmittelbarer Nähe der Glashütten.

Im näheren Umfeld des Betriebsgeländes wurden hierzu mehr oder minder notdürftige Wohngebäude des Glasmachermeisters und der Hüttenbelegschaften angeordnet.

Einfache Wirtschaftsgebäude und Stallungen kamen hinzu.

Die Unterkünfte für die Glasmacher und für das von ihnen gehaltene, wenige Vieh dürften eher dürftig gewesen sein.

Die Standortwahl und damit der Bau und wirtschaftliche Betrieb früher Glashütten war abhängig von topographischen Rahmenbedingungen und verschiedener Standortfaktoren:

  • Vorkommen von Roh- und Brennstoffen,

  • Verfügbarkeit feuerfester Gesteine und

  • von (Fließ-)Gewässern.

Aber auch "handfeste forstwirtschaftliche Überlegungen" dürften für die Standortwahl zum Betrieb einer Waldglashüttezugrunde gelegen haben - "... weil sich sonst daß Holz dort nur schwerlich nutzen läßt."[9]

Um die ehemals schier unerschöpflich geltenden Holzressourcen der Sollingwälder konkurrierte das traditionelle, energieintensive Gewerbe der Glasherstellung mit jenem der Köhlerei.

Das Holz aus den Solling-Forsten wurde staatlich verwertet und zugleich das Steueraufkommen aufgebessert.

Umwelthistorisch gesehen blieb deren holzintensiver Betrieb nicht ohne Auswirkungen auf das Ökosystem des Sollings.

Er könnte zugleich auch zur Veränderung der Wald-Feld-Grenzen im Hellental mit Entstehen landwirtschaftlich nutzbaren Grün- und Ackerlandes beigetragen haben, wie es die von Johannes Krabbe erstellte „Sollingkarte“ von 1603 nahe legt.

 

Diskontinuierliche Entwicklung handwerklicher Glashütten

Wie die Vielzahl archäologischer Relikte identifizierter Glashüttenanlagen belegt, dürfte in ihr das sozialräumlich abgelegene, agrarisch kaum nutzbare, hingegen aber wasser- und holzreiche Hellental ein bedeutendes Glasherstellungsgebiet im ansonsten wirtschaftlich unattraktiven Hinterland des Sollings gewesen sein.[36]

Im Umfeld des Hellentals gab es fernab der nächsten Siedlungen sowohl gute topografische Rahmenbedingungen als auch ausreichend verfügbare Roh- und Brennstoffe sowie Wasser für eine langjährige Glasproduktion.

Der vor Ort direkt anstehende Solling-Buntsandstein konnte zudem zum Bau von Ofenanlagen verwendet werden.

So verwundert es nicht, dass in unterschiedlichen Zeiträumen Glasmacher auch in das lang gestreckte, weiträumige Hellental zogen, um, wenn auch zeitlich befristet, hier ihre Hüttenbetriebe zu gründen und zu entwickeln.

Die früheste Glasherstellung in dem Sollingtal wird anhand der Datierung der Gebrauchskeramik im späten 12. bis 13./14. Jahrhundert fassbar.

Neben eindeutigen Hohl- und Flachglasfunden fehlen indes weitgehend auch primäre schriftliche Zeugnisse (Archivalien) zur tatsächlichen Glasproduktion im Umfeld des Hellentals; die archäologische Befund- und Fundlage gestaltet sich hingegen inzwischen allmählich etwas günstiger.[38]

Dennoch bleibt kritisch festzuhalten, dass das Umfeld des Hellentals bislang archäologisch wie historisch völlig unzureichend erforscht ist.

Dabei blieben erkennbare Glasproduktionsstandorte weitgehend ohne professionelle Prospektion mit naturwissenschaftlicher Erkundung, insbesondere ohne archäologisch gezielt freilegende Forschungsgrabung.

Teils wurden aber landesdenkmalpflegerische Vermessungen durchgeführt.

Bis heute sind nur noch einige wenige Spuren aufgelassener Hellentaler Glashütten unter einer schützenden Wald- und insbesondere Grasbedeckung mehr oder minder gut erhalten geblieben.

Zumindest für eine der beiden im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts im oberen Hellental betriebenen Hüttenanlagen ist die Fertigung von Hohl- und Fensterglas hinreichend differenziert belegt.

Während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden im Hellental letztmals Glaswaren hergestellt und zugleich auch das Ende der traditionellen Waldglashüttenzeit in den Solling-Forsten eingeläutet.

Hervorgegangen aus dem allmählich zerfallenden Werkweiler einer stillgelegten Privatglashütte entstand mit Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den vom Braunschweiger Staat geförderten „Neuen Anbau auf dem Lande“ das planmäßig angelegte Sollingdorf Hellental.

 

Isoliertes Leben & selbständiges Arbeiten

Die sich ihres Standes bewussten Glasmacherfamilien bildeten während des Mittelalters bis zur Frühneuzeit eine exklusive berufliche und soziale Gruppe.

Die Glasmacher waren meist zunftartig organisiert, regelten ihre Interessen selbst und ahndeten Verstöße.

Kunstfertige Glasmachermeister lebten und arbeiteten mit ihren Gesellen auch in den entlegenen, wasser- und holzreichen Laubwäldern im Hellental, einem alten Grenzraum im nördlichen Solling (Buntsandstein-Mittelgebirge).

Bei den älteren Glashütten handelt es sich um saisonale Betriebe.

Während der Betriebszeit bzw. der Arbeitsfortgang wurde - wie auch andernorts - von von April bis November (Ostern bis Martinstag) Hohl- und Flachglas hegerstellt.

Die mit örtlich anstehendem Buchenholz befeuerten Arbeitsöfen der Waldglashütten brannten pausenlos Tag für Tag, Nacht für Nacht - so auch im "Alten Tal der Glasmacher".

Dem hingegen werden heute die modernen Glasschmelzwannen "nur" einmal in Betrieb genommen und danach etwa 10 Jahre lang das Jahr über durchlaufend 24 Stunden lang an sieben Tage der Woche betrieben.[16]

Während der Winterzeit ruhte die Glasherstellung.

Die Glasmacher schlugen dann im nahen Sollingwald ausreichend Holz für die kommende Produktionssaison ein.

Zudem wurden die „kalt gelegten“ Werköfen ausgebessert oder erneuert.

Die jährlichen Erneuerungs- und Reparaturmaßnahmen waren erforderlich, da die Ofenanlagen durch die mehrmonatige Betriebszeit und die hohen Schmelztemperaturen stark beansprucht waren.

Der kontinuierliche, wenig kontrollierbare Vorgang der Glasschmelze erforderte ein produktionsortnahes Wohnen der Glasmacherfamilien (Werkssiedlungen) sowie eine Betriebsorganisation im Schichtdienst rund um die Uhr.

Die Betriebsgemeinschaft der Hüttenbewohner versorgte sich in der Regel selbst.

Zu ihrer Ernährung betrieben sie nahe ihrer Glashütte eine „kleine Landwirtschaft“ mit Viehhaltung (Schweine, Ziegen) und Gartenbau; auch wurden in der Nähe der Glashütte kleine Ackerflächen angelegt.

Im näheren Umfeld des Betriebsgeländes im Hellental wurden wahrscheinlich schlichte Wohngebäude des Glasmachermeisters und der Hüttenbelegschaften angeordnet; Wirtschaftsgebäude und Stallungen kamen hinzu.

Die Unterkünfte für die Glasmacher und für das von ihnen gehaltene, wenige Vieh dürften eher dürftig gewesen sein.

Nicht zuletzt aus Gründen der Konkurrenz wurde Jahrhunderte lang die streng geheim gehaltene Kunst der Glasherstellung und -verarbeitung vom Vater auf die Söhne in immer denselben Meisterfamilien weitervermittelt.

Mit der Weitergabe des Fachwissens wurde zugleich auch der lukrative Glasmacherfachberuf vom Vater auf den Sohn vererbt.

Gut dokumentiert ist, dass während des Dreißigjährigen Krieges eine 1632 gegründete Waldglashütte im Hils bei Grünenplan in den Jahren 1625 und 1627 von Soldaten überfallen wurde.[4]

Aus Gründen begrenzter Holzressourcen und um eine feste Ansiedlung der Glasmacherfamilien zu vermeiden, wurden die Verträge zum Betrieb einer Hütte durch die Landesherren auf wenige Jahre befristet.[12]

Hohlglas war in jener Zeit das „Glas” schlechthin, handverarbeitet als Trinkgläser, Flaschen und Behältergläser.

Im archäologischen „Bodenarchiv“ des Hellentaler Umfeldes liegen wahrscheinlich noch weitere Informationen zur Glasherstellung im Solling unter Grünland und Waldflächen verborgen.

So dürfte im weiteren Umfeld des Sollingtals noch längst nicht die tatsächliche Anzahl der hier ehemals während des Mittelalters betriebenen Glashütten identifiziert worden sein.

Obgleich bislang grabungslos geblieben, sind die erfassten Standorte der mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Glashütten dennoch wertvolle „Bodenarchive“ und schutzbedürftige technische Bodendenkmale von regional- und kulturhistorischer Bedeutung in Niedersachsen.

 

Literatur

WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert.

- Teil I   Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 1/2012, S. 14-21.

- Teil II  Glashütten des Mittelalters im Umfeld des Hellentals - 12.-14- Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 2/2012, S. 8-17.

- Teil III Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 17. Jahrhundert.  Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 3/2012, S. 13-22.

- Teil IV  Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

STEPHAN, HANS-GEORG (Hg.): Der Solling im Mittelalter. Archäologie - Landschaft - Geschichte im Weser- und Leinebergland. 2010.



[1] STEPHAN 2013, S. 6-9; STEPHAN 2014.

[2] STEPHAN 2010, S. 136.

[3] STEPHAN 2015a, S. 4-8.

[4] LEIBER, CHRISTIAN: Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015, S. 277-290.

[5] STEPHAN 2014.

[6] STEPHAN 2017, S. 8-16.

[7] Dedo von Kerssenbrock-Krosigk in GÖTZMANN/KAISER 2017, S. 21.

[8] MICHELS 2006.

[9] ALMELING 2006, S. 28.

[10] STEPHAN 1995, S. 65-83.

[11] Vortrag beim Kulturnachmittag des Heimatpflege- und Kulturvereins Schorborn-Schießhaus am 13. November 2015 in Schorborn: Die Waldglashütten im Nordsolling, Referent: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental.

[12] LEIBER 2017, S. 61-70.

[13] LEIBER 1994, S. 24.

[14] LEIBER 2004, S. 111; ALBRECHT 1991.

[15] HENZE 2004, S. 99; TACKE 1969. 

[16] WIRTSCHAFT "Region mit Zukunft" - Hameln, Bad Pyrmont, Holzminden, Springe, Rinteln, Stadthagen, Bückeburg. Ausgabe Juli 2015, S. 7.

[17] KRAMER 2017b, S. 22-23.

[18] Ausschnit aus TK 4123, Karte Nr. 20.

[19] WIEGAND 2019, S. 286.

[25] STEPHAN 2010, S. 138, 260-261.

[27] STEPHAN 2010, S. 134.

[35] BLOSS 1977, S. 85-122; LEIBER 1994, S. 18.

[36] Ein detaillierter Überblick zum aktuellen Stand der systematischen Glashüttenforschung im Umfeld des Hellentals wurde im Jahr 2012 in vier Heften der „Sollinger Heimatblätter“ von dem Hellentaler Ortsheimatpfleger Dr. Klaus A.E. Weber veröffentlicht: WEBER 2012b–2012e. Zudem auch ergänzend das zusammenfassende Kapitel Glashüttenstandorte des 12.-18. Jahrhunderts im Bramwald, Reihardswald und Solling bei STEPHAN 2010, S. 507-527.

[38] WEBER 2012b.

[41] LEIBER 2007, S. 139.

[42] STEPHAN 2003, S. 162.

[45] WEBER 2012b, S.14-21; mit Phaseneinteilung nach STEPHAN 2010, S. 507