Form- & Gestaltungsvielfalt an kostbarem Glas

Klaus A.E. Weber

 

"Vergoldet, bemalt, schön geschnitten und geschliffen"


Sxhorborner Fußschale (Konfektschale) mit blauem Rand

Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan

© Historisches Museum Hellental, Foto: Klaus A.E. Weber

 

Kaum eine andere Glashütte des Oberweserraumes umfasst ein der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert eine vergleichbare Form- und Gestaltungsvielfalt mit breiter Herstellungskreativität wie die Schorborner Glasmanufaktur mit ihren nahegelgenen Filialglashütten im Solling - Wein- und Biergläser, Schnapsgläser, Bierkrüge, Flaschen und Gebrauchsgegenstände.[1]

Die merkantilistische Gründung der Schorborner Glasmanufaktur, zunächst unter fürstlicher Administration, führte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem außergewöhnlich breiten Produktionsspektrum an Hohlglas und Flachglas (Fensterglas), böhmischem Tafelglas und schließlich farblosem (weißem) Hohlglas - mit einem Katalog typischer Merkmale bei den Hohlgläsern.[2][3][11][13]

Wie HASSEL/BEGE [14] ausführen, liefert die Schorborner Glasmanufaktur um 1802 "weisses Hohlglas, chemische und physische Instrumente von allen Sorten (unter andern auch die Parkersche Lebensluftmaschine) vergoldet, bemalt, schön geschnitten und geschliffen".

Als detaillierten Übersicht ist eine "Verkaufstabelle von weißem und grünem Hohlglas der Schorborner Hütte 1778" bei OHLMS [6] hinterlegt zu

  • Weingläsern

  • Biergläsern

  • Brandteweingläsern

  • Krügen

  • Flaschen, Caraffinen

Wie OHLMS [3] vermerkt, findet sich 1788 im Holzmindener Wochenblatt folgender Vermerk:

"Seit einiger Zeit bläst man auch Glas von blauer, rotmarmorierter, orange etc. Farbe zu Trinkfgläsern, Salzfässern, Aufsätzen, Urnen, Zucker- und Tabaksdosen, Stockknöpfen usw."

 

Formmarkierte Einheitsflaschen

"einerley & gezeichnete Bouteillen"

Die landesherrliche Verordnung vom 14. Dezember 1748 verfügte, dass die Herstellung von "einerley und gezeichneten Bouteillen" einzig den Fürstlichen Glashütten zu Schorborn im Solling und Holzen am Ith oblag.

Ziel war es hierbei, für jene einheimischen, formmarkierten Einheitsflaschen ausschließlich eine inländische Nutzung im Herzogtum Braunschweig zugewährleisten.

Zugleich verboten weitere Verordnungen, "fremdes" (ausländisches) Hohlglas einzuführen, um den Absatz dieser beiden landeseigenen Hohlglashütten zu sichern.[4]

 

Böhmisches Tafelglas

"Geschnittene und verguldete Gläser"

Neben Grünglasprodukten war für die Schorborner Glasmanufaktur ökonomisch die Fertigung von "böhmischem Tafelglas" (farbloses "weißes" Flach-/Fensterglas) bedeutsam.

Wie Ausführungen von BLOSS [4] zu entnehmen ist, habe zunächst in den ersten Jahrzehnten der Absatz wie wohl auch die Fabrikation "geschnittener und verguldeter Gläser" nur eine untergeordnete Rolle gespielt; bedeutender sei der Absatz von böhmischem Tafelglas gewesen.

Neben der traditionellen Grünglasfabrikation wurde in der Schorborner Glasmanufaktur zugleich auch ein glastechnisches Verfahren entwickelt, wonach farbloses "Christallglas" hergestellt werden konnte, welches sich als Hartglas für die Dekoration mit feinem Kunstschnitt wie auch zum Kunstschliff eignete.

Laut einem bei BLOSS [4] angeführten "Verzeichnis der Lagerbestände" aus dem Jahr 1768 - 24 Jahre nach Übernahme der Glasmanufaktur durch den Administrator Joachim Carl Nagel - waren u.a. folgende Glasgegenstände auf der Hütte vorhanden:

 

  • geschliffene Pokale mit dem königlich-preußischen Wappen und Namenszug

  • Pokale mit Pelikan und Devise

  • Pokale mit und ohne Deckel

  • Pokale mit geschnittenem "C"
  • Pokale mit braunschweigischem Wappen

  • Deckelgläser mit geschnittener Jagd

  • Deckelgläser mit geschnittenem Hirschkopf

  • Deckelgläser mit herzoglichem Wappen und Namen

 

  • Blumentöpfe

  • große Tafelaufsätze mit "plat de ménage"

  • Fruchtkörbe

  • Tafelleuchter mit und ohne Ketten

  • geschliffene Konfektschalen

  • Spitzgläser (für Schnaps, Likör)

  • Weingläser

  • Biergläser

 

 Schorborn │ 19. Jahrhundert

  • Farbloser Spitzkelch mit Blaurand und Luftblasen im Schaft

Formsammlung Städtisches Museum Braunschweig)

  • Vollständig in blauem Glas hergestelltes Gefäß [1]

Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan

© Historisches Museum Hellental, Fotos: Klaus A.E. Weber

 

"Schorborner Glas"

Bei großer Form- und Gestaltungsvielfalt und hoher Produktivität lieferte die Schorborner Glashütte bedeutende Gläser an den Braunschweiger Hof und trug mit ihrer großen Form- und Gestaltungsvielfalt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert wesentlich zur Abdeckung des gewachsenen Glasbedarfs im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel bei.

▷ "Schorborner Glas"

  • Pokale, geschliffen und geschnitten - prunkvolle höfische Tafelkultur │ hochwertige Abendmahlkelche und andere Gläser für den kirchlichen Gebrauch

  • Kelche (Spitz- und Perlenkelche)

  • Bouteillen - Flaschen für den Haushalt und das Gewerbe

  • Wirtschafts-/Gebrauchsgläser (u.a. Blaurandgläser)

  • Gläser mit farbiger Emaille-Bemalung

  • Apparate- und Medizingläser

  • Gefäße für die Arzneiausgabe durch Apotheken
  • Geschirrgläser

 

Produktionsumfang & Glaspreise

1814 stellte Schorborn binnen 44 Wochen 293.000 "Hüttenstück ordinären weißen Hohlglases" her.[6]

In den beiden Filialglashütten Pilgrim und Mecklenbruch betrug nach OHLMS [6] die Produktionsmenge in jeweils etwa 20 Wochen 400 "Hüttentausend" grünes Hohlglas und 350 - 380 Kisten grünes Fenstglas (1 Kiste grünes Fensterglas enthielt 120 Glastafeln (21 x 18 Zoll)), während in Mühlenberg jährlich in 44 - 46 Wochen 3.500 "Bund" Tafelglas und 352 "Hüttentausend" Medizinglas hergestellt wurden.

Die Herstellung von Flaschen und weißem Tafelglas soll bedarfsdeckend für das Braunschweiger Land gewesen sein.

 

1814

Um 1814 beliefen sich die Preise für

  • 100 "Hüttenstück" weißes Hohlglas incl. Einfasselohn auf 4 Thaler 6 Gute Groschen

  • 1 "Hüttentausend" grünes Hohlglas auf 12 Thaler

  • 1 Kiste Fensterglas auf 11 Thaler

  • 1 "Bund" weißes Tafelglas auf 2½ Thaler

  • 1 "Hüttentausend" Medizinglas auf 10 Thaler.

 

1818 bis 1827

Im Zeitraum von 1818-1827 konnte ein Gesamtwert der zehnjährigen Glasproduktion in Höhe von 189.698 Thalern erzielt werden, davon entfielen auf die

 

"Eigentümlichkeiten"

Produktqualität Schorborner Glaserzeugnisse

Zu "Eigentümlichkeiten" Schorborner Glaserzeugnisse findet sich ein Überblick mit detaillierten Hinweisen zur Herkunftsbestimmung und weiteren Informationen bei OHLMS 2006:

  • Medizinglas [9]

  • Grünglas [10]

Den Nachteil der außerordentlich hohen Transportkosten bei den Holzeinschlägen im Solling betriebswirtschaftlich ausgleichend, führte zur Senkung der Stückkosten mit negativen Auswirkungen auf die Prokuktqualität.

Nach KRAMER [12] war der Vorbereitungszeitraum für die verarbeitungsfertige Glasmasse strikt auf drei Tage verknappt und die Glasöfen "bis zu 40 Wochen oder länger im Jahr betrieben" worden.

Dies könne möglichweise eine Erkläung dafür sein, dass das Schorborner Glas in seiner Qualität "durchgängig etwas schlierig", grünlich und mit Blasen durchsetzt ist; ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Nachbarglashütten Osterwald im Amt Lauenstein, Altmünden und Emde.

Dem gegenüber teilte der Oberbergrat Stünkel am 22. Febrzuar 1815 der Fürstlichen Kammer mit, dass das Schorborner Glas "schön weiß, sehr gut geschnitten und geschlioffen wäre und dem englischen Glas nur im Klanag etwas nachstünde".[5]

 

1839

Bei einer Gewerbeausstellung von Industrieerzeugnissen im Herzogtum Braunschweig wurde 1839 auch ein Schorborner Glassortiment präsentiert.

Hierzu gab es eine durchaus kritische Kommentierung im Hibblick auf die Glasqualität:

"Vom Herrn Commerzien-Rath Seebass, Pächter der Herzogl. Glashütte zu Schorborn, war ein Sortiment dportiger Fabrikate - Hohlglaswaaren (25 Glasgefäße) - eingesendet.

Sie bestanden, mit Ausnahme eines Bechers, in ordinairer Waare zum gewöhnlichen Gebrauche.

Die bei der Einsendung gemachten Mittheilungen über die auf den Betrieb der Fabrik einwirkenden dortigen Verhältnisse lassen die Schwierigkeiten nicht verkennen, welche einer Vervollkommnung der Erzeugnisse derselben bis zu einem Grade, um mit den Glasfabriken des Auslandes concurriren zu können, entgegenstehen, doch sind diese Umstände nicht der Art, daß sie Rückschritte rechtfertigen, und in früheren Zeiten sind günstigere Urtheile über die dort gefertigten Waaren gefällt worden.

Die Glasmasse bei den Wein- und Wassergläsern war nicht rein und von verschiedener Färbung.

Selbst der geschliffene Becher war nicht von tadelloser Masse, wiewohl in Betracht der kostspieligen Schleiferei eine sorgfältige Wahl zu treffen, die Veranlassung vorlag.

Uebrigens war das eingeschliffene Wappen so gut gearbeitet, daß Fleiß und Geschick des Schleifers Belohnung verdienen.

Der Preis des Bechers aber war sehr hoch.

Die Lampenkuppeln waren zu schwer und die Färbung des Glases nicht milchweiß genug; es steht jedoch zu hoffen, daß es der Industrie des Herrn Einsenders gelingen werde, wenigstens in diesem Artikel, bei welchem eine minder gefährliche Concurrenz der auswärtigen Fabriken, als bei dem weißen Hohlglase eintritt, die Consumtion des Inlandes von dem Auslande unabhängig zu machen.

Die Weinbouteillen waren gut und von gefälliger Form, bei den übrigen Flaschen ließen Form und Masse mehrfache Verbesserungen zu.

Die notierten Preise waren im Allgemeinen sehr billig."[5]

 

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[1] Die fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan. 17.05.2015 - 01.11.2015.

[2] Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Glasmuseum Grünenplan - Wissenschaftliches Fachsymposium am 10. Oktober 2015.

[3] Sonderausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März - 02. Juli 2017. Täglicher Anzeiger Holzminden vom 20. März 2017, S. 15.

[4] BLOSS 1950a, S. 23-24. Hier wird auf eine Dissertation von Dr. Wilhelm Becker aus dem Jahr 1925 über die Fürstlich-Braunschweigischen Glashütten verwiesen.

[5] OHLMS 2006, S. 17.

[6] OHLMS 2006, S. 16.

[7] OHLMS 2006, S. 22-23.

[8] OHLMS 2006, S. 25-50.

[9] OHLMS 2006, S. 51.

[10] OHLMS 2006, S. 52-54.

[11] KRAMER 2017a, S. 16-21.

[12] KRAMER 2017a, S. 21.

[13] MALCHOW 2019, S. 32-34.

[14] HASSEL/BEGE 1802, S. 163-164 (2).