GLAS - IM SOLLING

Ressourcen ⎸Rohstoffe & Technik ⎸Wissen ⎸Handwerk & Handel

 

"Die Geschichte der Glaskunst - von ihren Anfängen ungefähr vor 1.500 Jahren v. Chr. bis heute - verläuft in Wellenbewegungen, bei denen sich Phasen aufsehenerregender Errungenschaften mit Zeiten der Stagnation ablösen."

Dedo von Kerssenbrock-Krosigk 2017 [3]

 

 

 

In einer von Massenkunststoffen und wachsenden terrestrischen rsp. maritimen Müllbergen beherrschten Zeit hat es sich das Museum im Backhaus ⎸Hellental zur Aufgabe gemacht, medial unterstützt in einer ständigen Ausstellung Wissenswertes über die alte handwerklich-technische Gewinnung und Bearbeitung des faszinierenden Werk- und Wertstoffes Glas anschaulich zu vermitteln - von der antiken bis zur modernen Glasherstellung, von der Einzel- bis zur seriellen Fertigung.

Zudem ist es Ziel der Ständigen Ausstellung, die archäologische und die geschichtliche Forschungsarbeit des Museums im Backhaus ⎸Hellental öffentlich sichtbar zu machen.

In der MiB-Station GLAS befinden sich zahlreiche Kopien/Replikate insbesondere von Glasobjekten.

Hierdurch ist es möglich, an einem Ausstellungsort Exponate zusammenzuführen, welche als Originale in anderen Museen weit verteilt sind.

Zudem bieten Kopien/Replikate aber auch zusätzliche Erkenntnismöglichkeiten.

 

Markanter Ort der Glasgeschichte des Sollings vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Bei einem Rundgang begegnen Sie den Wurzeln der faszinierenden „heißen Kunst” manueller Glasherstellung in dem abgelegenen Grenzraum des Hellentals im ehemaligen Weserdistrikt des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel - als um 1200 n. Chr. im "Aufbruch zur Gotik" Stadt- und Klostergründungen zu einem erhöhten Bedarf an verschiedenen Glaswaren führten.

Eine Zeitreise durch das bislang erschlossene Bodenarchiv des glasarchäologischen Erbes im "Alten Tal der Glasmacher" führt zu wandernden Glasprofis im Umfeld des lang gestreckten Sollingtals.

Archäologische Zeugnisse ehemaliger Glashüttenstandorte belegen eindrucksvoll die holzwirtschaftliche Nebennutzung des Sollingwaldes zur saisonalen Waldglasherstellung - vom Mittelalter bis zur Neuzeit.

In drei Phasen - im Hoch-/Spätmittelalter, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - wurde in dem für die Glasherstellung besonders ressourcenreichen Hellental handwerklich kunstvolle "Feuerspiel" durch den historisch typischen Wanderberuf des Glasmachers ausgeübt.

 

 

Glas als "Herrschaftsware" ⎸Töpferware für "Minderbetuchte"

In einer Gegenüberstellung zeigt eine Ausstellungseinheit, dass in der mittelalterlichen Zeit des "Aufbruchs in die Gotik" aus Glas gefertigte Trink-, Schenk- und Vorrratsgefäße kostbare Gegenstände ausschließlich des gehobenen Bedarfs waren - als Luxusartikel nur vermögenden (herrschaftlichen) Haushalten vorbehalten.

Demgegenüber deckten keramische Erzeugnisse - Irdenware sowie Steinzeugprodukte - regionaler Töpfereien, wie beispielsweise gebrauchskeramische Fragmente aus dem Fundschleier der mittelalterlichen Töpfereiwüstung Bengerode (12.-15. Jh.) südwestlich von Fredelsloh im Solling, den alltäglichen Geschirrbedarf der zumeist ärmeren städtischen und ländlichen Haushalte.

 

Pfeife, Holzform & Schere ⎸Glasherstellung durch Wanderarbeit im Umfeld des Hellentals

Den besonderen Ausstellungsschwerpunkt bildet die hoch-/spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Glasherstellung und -bearbeitung in so genannten Waldglashütten, an deren aktiven Erforschung sich das Sollingmuseum betätigt und Forschungsergebnisse veröffentlicht.

Fundmaterialien von Oberflächenbegehungen belegen für die Glashütten-Landschaft des Hellentals mehrere wüstgefallene Glashüttenstandorte des Mittelalters, die dem Holzvorrat der Sollingforsten nachwanderten.

Von traditionellen Glasmachern als "Wanderglashütten" betrieben, waren die Hüttenanlagen abgelegene kleine Betriebssiedlungen auf Zeit.

Für die Arbeitsverhältnisse der Glasmacher war kennzeichnend, dass sie die Arbeitsöfen ihrer Waldglashütten von Ostern bis Martini betrieben.

War dann die Glasofenanlage nicht mehr wirtschaftlich nutzbar, so wurde sie im Umfeld des Hellentals an einem andern Ort neu errichtet. 

Glasfunde zu den verschiedenen Produktionsperioden im Hellental informieren Sie über eine reichhaltige Produktpalette verschiedenartiger Hohl- und Flachgläser dortiger Glashüttenbetriebe.

Kennenlernen können Sie auch die wesentlichen Rohstoffe zur anspruchsvollen manuellen Hohl- und Flachglasherstellung, ebenso die dazu erforderlichen Glasmacherwerkzeuge.

Vielfältige Oberflächenfunde im Hellental wie in seiner näheren Umgebung dokumentieren - gemeinsam mit dem Großmodell eines frühneuzeitlichen Werkofens - anschaulich das "Spiel mit dem Feuer" beim Betreiben einer Sollingglashütte.

Die keramikrestauratorische Rekonstruktion eines etwa 800 Jahre alten Glashafens gilt als besondere archäologische Rarität früher Waldglasherstellung im Glaserzeugungskreis des Sollings, ein fassbares Zeugnis hoch-/spätmittelalterlicher Glaserzeugung in einer Hellentaler Waldglashütte.

 

Rekonstruktion eines relativ kleinen Glashafens (Glasschmelztiegel)

Hoch-/spätmittelalterliche Waldglashütte im Hellental

12./13. Jahrhundert (um 1200)

 

Den zahlreichen Exponaten verschiedenartiger Hohlglastypen aus dem "Alten Tal der Glasmacher" werden - zur Veranschaulichung kompletter regionaltypischer Formglasprodukte – manuell originalgetreu nachgebildete Waldglasreplikate gegenübergestellt.

Für die industrielle Glasproduktion des 19./20. Jahrhunderts beispielhaft werden regionale Original-Exponate ausgestellt.

Zusammen mit Oberflächenfunden aus Glas, Eisen und Keramik erzählt das historisch inszenierte Großmodell eines Glasschmelzofens vom "heißen Arbeiten", aber auch von den alltäglichen Arbeits- und Lebensbedingungen auf einer Waldglashütte im Solling.

Die hohe Leistungsfähigkeit der um 16oo im Hellental produzierenden Glashütte unterstreicht ein differenziertes Hohl- und Flachglasspektrum in regionaltypischer, zeitgenössischer Formensprache.

 

Feuerfester Beeren-Nuppenstempel

Frühneuzeitliche Waldglashütte im Hellental

1. Drittel 17. Jahrhundert

 

 
Das Gefäßbodenfragment der aufwändigen Werraware-Schale (Bildmitte) zeigt als Zentralmotiv einen renaissancezeitlich gewandeten Mann (unbekannte Irdenwaretöpferei).

Frühneuzeitliche Waldglashütte im Hellental

1. Drittel 17. Jahrhundert 

 

Die „Werraware“ gilt als die bedeutendste und aufwändigste Irdenware in der Renaissance - mit Ritzverzierungen und teils qualitätsvoll ausgestalteten Zentralmotiven im Gefäßboden.

Die scheibengedrehte, dekorativ bemalte und innen bleiglasierte Keramik wurde in den Jahrzehnten um 1600 in regionalen Töpferwerkstätten hergestellt, u.a. auch in Höxter.[2]

Charakteristisch ist, dass – neben der Schlickermalerei - Dekordetails in Ritztechnik hervorgehoben und zentrale Personen- oder Tierdarstellungen vielfältig ausgestaltet wurden, häufig auch mit innen aufgemalten Jahreszahlen.

 

 


Restaurierte Schale "Weserware"

Frühneuzeitliche Waldglashütte im Hellental

1. Drittel 17. Jahrhundert

 

Einfaches wie auch aufwändiges renaissancezeitliches Gebrauchsgeschirr aus bleiglasierter, teils bemalter Irdenware - "Weserware" und insbesondere lokal eher selten anzutreffende "Werraware" - weisen auf weitläufige Handelsbeziehungen, auf einen gewissen Wohlstand und auf eine längere Betriebszeit der um 1600 im oberen Hellental betriebenen Waldglashütte hin.

Wie für Waldglashütten typisch, so waren auch hier das Arbeiten und Wohnen eng miteinander verbunden.

Der Frage, wie im Hellental in der um 1715/1717 von mecklenburgischen Arbeitsmigranten gegründeten "Söllinger Glasshütte" letztmals Glas hergestellt und unter der Regentschaft von Herzog Carl I. zugleich das Ende der traditionellen Waldglashüttenzeit im Solling eingeläutet wurde, widmet sich ein weiterer Schwerpunkt der Dauerausstellung.

 

Flaschensiegel aus der Zeit der Waldglashütte, 1. Hälfte 18. Jahrhundert

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[1] nach: Museum Kunstpalast – Spot on 07, Düsseldorf 2011.

[2] KÖNIG, ANDREAS: Renaissancezeitliche Werrawarefunde aus Höxter - ein Überblick. In: GÄRTNER, TOBIAS, STEFAN HESSE, SONJA KÖNIG: Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag. Alteuropäische Forschungen. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neue Folge 7. Langenweißbach 2015. S. 197-209.

[3] GÖTZMANN/KAISER 2017, S. 21.