Genealogische Spurensuche

Dem Vergessen entreißen, der Dorfgeschichte Namen geben!

 

Zentrales Anliegen regional- und dorfgeschichtlicher Veröffentlichungen ist es, zum einen „Zusammenhänge im geschichtlichen Rahmen regional transparent zu machen”[9], zum anderen verborgene Wurzeln zur Gegenwart eines Siedlungs- und Lebensraumes aufzufinden, im Spiegel historischer, insbesondere politischer, wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Rahmenbedingungen.

Den für ein Ortsfamilienbuch wesentlich erscheinenden Aspekten des einstigen „guten alten“ dörflichen Lebens, des Wohnens und Arbeitens zwischen dem nördlichen Solling und dem Holzberg galt nachzugehen.

Hierbei wurde der Fokus auf eine möglichst umfassende genealogische Darstellung von Einwohnern und Familien in Heinade, Hellental und Merxhausen zwischen 1648 und 1926 gerichtet – also über einen Zeitraum von fast 280 Jahren, einem 1/4 Jahrtausend.

Wir begreifen heute den Menschen als Namen tragendes Gemeinwesen.

Seit es für den modernen individualisierten Menschen Namen gibt, erzählen diese Geschichte wie Geschichten, insbesondere aber jene Familiennamen, welche während des Mittelalters entstanden.

Familiennamen ermöglichen heute Einblicke in längst vergangene Epochen, sie erzählen vom vielfältigen Handwerksleben, von den Waren und Gerätschaften, die für mittelalterliche Menschen bedeutsam waren, aber auch von der Abhängigkeit der bäuerlichen Bevölkerung und von der Art und Weise, wie Menschen von ihrer sozialen Umgebung gesehen und beurteilt wurden.[10]

In diesem Zusammenhang war und ist das Ortsfamilienbuch eine regional wesentliche personengeschichtliche Sekundärquelle für alle genealogisch und sozialhistorisch Forschenden sowie für Bürgerinnen und Bürger unseres örtlichen Gemeinwesens und auch darüber hinaus.

 

Einwohner & Familien der Dorfregion

Ein Ortsfamilienbuch, in der Fachliteratur oft auch als „Ortssippenbuch“ bezeichnet, verfolgt im Wesentlichen das Anliegen, Sippen als größere Gruppen verwandter Personen wie auch Einzelpersonen eines Ortes von der frühesten nachweislichen Beurkundung bis zu einem definierten Zeitraum genealogisch (familiengeschichtsforschend) zu ermitteln und nach anerkannten Regeln zusammenzustellen.

Die hieraus resultierenden Erkenntnisse wurden zur öffentlichen Verfügbarkeit aufbereitet, um sie für nachfolgende Generationen bleibend zu erhalten.

Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass sich Familiennamen erst in der Zeit der ausgeprägten Binnenwanderung während des Mittelalters entwickelten, woraus auch Herkunftsnamen entstanden.

 

Ortsfamilienbuch für Hellental

Die ursprüngliche Idee, zunächst ein Ortsfamilienbuch für Hellental zu erstellen und im Rahmen der Dorf-Schriften-Reihe des Heimat- und Geschichtsvereins als Pilotprojekt gesondert zu veröffentlichen, entstand nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass gerade die Genealogie (Familiengeschichtsforschung) von Glasmachern eine wesentliche Voraussetzung zur Erforschung der Glasmacherkunst und der damit verbundenen regionalen und überregionalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte darstellt.

Dies gilt speziell auch für das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus einer aufgegebenen, ehemals ortsfesten Glashütte im nördlichen Solling planmäßig entstandenem und staatlich gefördertem Arbeitermigrationsdorf Hellental.

Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts zahlreich zugewanderten Glasmacher-Familien waren die ersten Namensträger im bzw. in Hellental überhaupt.

Sie trugen meist Familiennamen, die auf eine entfernte Herkunft ihrer eingewanderten Träger hindeuten.

Weitere Familiennamen kamen während der zweiten Besiedlungsphase in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts hinzu.

Einige der ursprünglichen Familiennamen (z.B. Seitz) finden sich noch heute in Hellental.

Neben den vorwiegend genealogischen Betrachtungen kam noch hinzu, dass das Hellental - als typisches Grünlandtal tief in den Hochsolling eingeschnitten und eines der schönsten Wiesentäler im südniedersächsischen Berg- und Hügelland - ein auch historisch interessanter, von schwerer menschlicher Arbeit geprägter Lebens- und Kulturraum ist.

Dies gilt im Übrigen auch für die spätmittelalterlichen Nachbardörfer Heinade und Merxhausen mit ihrem vorwiegend bäuerlichen Entwicklungshintergrund in der „Wilhelm Raabe Region“.[11]

 

Ortsfamilienbuch für Heinade, Hellental, Merxhausen & Denkiehausen – Geschichte und Einwohner zwischen Solling & Holzberg 1648–1926

Alle im Ortsfamilienbuch von 1648–1926 genannten, wie auch die aus verschiedenen Gründen ungenannt gebliebenen Personen agierten ehemals als Einzelne, im Verbund der Familie oder in sonstigen sozialen Arbeits- und Lebensverbindungen mehr oder minder aktiv auf der breiten Bühne der „großen“ wie „kleinen“ Geschichte.[12]

Wesentliches Ziel der „historischen Betrachtungen“ war es daher, für die einstigen Akteure - als Landleute zwischen Solling und Holzberg - zeitgeschichtliche Kulissen zu skizzieren, die die historisch bedeutsamen Epochen und Vorgänge wie auch die „großen“ und „kleinen“, die europäischen, nationalstaatlichen, regionalen und lokal-dörflichen Ereignisse näherungsweise abbilden.

Um diesen Lebenskontext verstehbar zu machen, wird ausschnittsweise das Zeitfenster des 17.-20. Jahrhunderts geöffnet.

Dabei kann kein Anspruch auf eine thematische, regional- und zeitgeschichtliche Vollständigkeit erhoben werden. Ebenso wenig kann eine unter wissenschaftlichen Kriterien erstellte Ortschronik für die Dörfer dargestellt oder diese gar vorweg genommen werden.

Vielmehr ist es das Ziel, im Rahmen des Ortsfamilienbuches einen orientierenden historischen Überblick zu geben, unter Einbindung des naturräumlichen und historischen, insbesondere aber landeshistorischen Umfeldes.

Soweit bislang erschließbar, wurde für die historische Einleitung im Wesentlichen regionale Sekundärliteratur sowie nicht in jedem Falle im Original eingesehenes, aber in Fotokopie vorliegendes primäres Quellenmaterial vornehmlich aus dem Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel orientierend ausgewertet. Viele ortsgeschichtliche Aussagen zu Heinade, Hellental und Merxhausen sind somit nur als vorläufig anzusehen, da sie teilweise bislang quellenmäßig nicht ausreichend belegt erscheinen.

Das Erschließen, Dokumentieren und Auswerten primärer Quellen wird künfig eine zentrale Aufgabe der noch zu erstellenden „Ortschronik der Gemeinde Heinade“ sein.

Bei oft auch fehlender Quellenlage zur frühen Dorfgeschichte kommt gerade den genealogischen Forschungsergebnissen von Wolfgang Nägeler eine historisch wertvolle, „kompensierende” Funktion zu.

Ein besonderer Akzent künftiger Vereinsarbeit wäre sicherlich auch in der Erstellung eines „Häuserbuches“ bzw. einer Häuserchronik für Heinade, Hellental und Merxhausen zu sehen - mit der Zuordnung von Einwohnern und Familien zu ihren Wohnsitzen bzw. von Häusern zu ihren ehemaligen Bewohnern. In der vorliegenden Veröffentlichung konnte dieser lokalhistorisch interessante Blickwinkel allerdings nur stellenweise und in Ansätzen berücksichtigt werden.

Erwartungsgemäß sind für die kleinen Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen keine gesonderten expliziten sozialwissenschaftlichen oder sozialhistorischen Untersuchungen und Veröffentlichungen verfügbar.

Deshalb erfolgten Hinweise auf regionale und überregionale geschichtliche Vorgänge und Geschehnisse des 17.-20. Jahrhunderts, die Annahmen und Interpretationen für die Dorfgeschichte und das Leben, Wohnen und Arbeiten der Einwohner und ihrer Familien in den Dörfern herleiten lassen.

Dabei war zu berücksichtigen, dass im Herzogtum Braunschweig des 17.-19. Jahrhunderts die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse von Dorf zu Dorf teilweise erheblich variierten.

Beispielhaft angeführte Überlieferungen lokaler (mundartsprachlicher) Volkserzählungen, die im 19./20. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, sollten das Bild des facettenreichen Lebens und Arbeitens der Landleute am Nordsolling und Holzberg abrundend illustrieren.

Die umfangreichen Personenstandsdaten des Ortsfamilienbuches und ihre genealogisch erkennbaren Zusammenhänge wurden von dem Familienforscher NÄGELER[13] mit großem Engagement und in mühevoller, zeitintensiver Forschungsarbeit in den Jahren 2002-2005 ermittelt, rechnergestützt ausgewertet (Personenstandsarchiv) und im zweiten Halbband mit Registerteilen übersichtlich und nutzungsbezogen zusammengestellt.

Unter Wahrung datenschutzrechtlicher Belange reicht die vorgelegte genealogische Personenerfassung von 1648-1926, also über eine Zeitspanne von fast 280 Jahren.

Mit ihrer persönlichen schriftlichen Zustimmung wurden zudem jene Personen und Familien zusätzlich berücksichtigt und bis Anfang 2005 aufgenommen, die dies gegenüber dem Redaktionsteam ausdrücklich gewünscht haben.

Zu seinen genealogischen Datenrecherchen zog NÄGELER als archivalische, personengeschichtliche Primärquellen die Personenregister der verfügbaren Original-Kirchenbücher und Nebenregister von Amelsen, Arholzen, Braak, Deensen, Deitersen, Eilensen, Ellersen, Emmerborn, Heinade, Hellental[14], Krimmensen, Lenne, Linnenkamp, Markoldendorf, Mackensen, Schorborn, Stadtoldendorf, Wangelnstedt aus dem 17.-20. Jahrhundert heran (Geburts-, Tauf-, Trauungs-, Sterbe-, Beerdigungseinträge).[15]

Ein wesentliches Anliegen von NÄGELER war es, alle verfügbaren Quellen inhaltlich vollständig auszuschöpfen, um eine möglichst lückenlos erfasste Genealogie zu erstellen.

Die Vollständigkeit eines Datensatzes ist naturgemäß jedoch davon abhängig, welche Informationen sich aus der jeweiligen Quelle ermitteln lassen.

Hierbei ergab sich aus mehreren Gründen nicht immer die genealogisch gewünschte Quellenlage, so dass ein Anspruch auf Vollständigkeit des hier veröffentlichten Personen- bzw. Namensbestandes nicht erhoben werden kann.

Auch die Veränderlichkeit von Familiennamen und ihrer Schreibweise brachte gelegentlich Schwierigkeiten bei ihrer Registeraufnahme mit sich.

Wie allgemein üblich, wurden die ermittelten Einwohner und Familien alphabetisch geordnet, innerhalb eines Familiennamens chronologisch aufgelistet.

Die Schriftleitung kam nicht umhin, kritisch anzumerken, dass von NÄGELER des Öfteren persönliche wie insbesondere administrative Hürden zu nehmen waren, die zwar in dem einen oder anderen Fall nachvollziehbar erschienen, hingegen aber in ihrer Summe durchaus geeignet waren, die gemeinnützige genealogische Arbeit zu konterkarierten und gar die Erstellung des Ortsfamilienbuches in Frage zu stellen.

Es gilt zum besseren Verständnis darauf hinzuweisen, dass die Führung von Kirchenbüchern erst mit der Einführung der Reformation im Jahre 1569 angeordnet worden war und diese wichtigen Quellen allerdings „nur in seltenen Fällen vollständig erhalten geblieben“ sind.[16]

Wegweisend sei angemerkt, dass es das Anliegen der Autoren war, mit dem Ortsfamilienbuch einerseits einen besonderen Beitrag zur heimatlichen und sozialen Geschichte und zum Erhalt des ortsgeschichtlichen und kulturellen Erbes zu liefern, andererseits dieses zugleich den heutigen Bewohnern von Heinade, Hellental und Merxhausen und darüber hinaus zu verdeutlichen.

Es sollte von in Heinade, Hellental und Merxhausen lebenden, jungen wie alten (alteingesessenen) Familien, wie gerade aber auch von jenen, die in der Vergangenheit die alten Bauerndöfer Heinade und Merxhausen oder das Landhandwerkerdorf Hellental aufgrund privater, sozialer oder wirtschaftlicher Veränderungen verlassen haben, zur persönlichen Erforschung der eigenen Ahnen- und Familiengeschichte dienen, zur Erkundung der eigenen biografischen Wurzeln.

Des Weiteren kann es auch als „zeitloses“ Daten- und Nachschlagewerk für das wissenschaftliche Arbeiten anderer genealogisch, sozialwissenschaftlich oder sozialhistorisch interessierter Personenkreise und Forschender herangezogen werden.

Beim näheren Hinsehen berichten die Personendaten über ein einfaches oder auch abenteuerliches Leben und Arbeiten, über Glück und Wohlstand, über Aufstieg und Fall, über Armut und Elend von Landleuten zwischen dem Nordsolling und dem Holzberg.

Das erkennbare ländliche Alltagsleben der kleinen Leute in den vier Dörfern - vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis zum frühen 20. Jahrhundert - gab keinerlei Anlass für eine romantisierende ländlich-dörfliche Verklärung früherer Arbeits- und Lebensverhältnisse, wie sie etwa bei Hermann Löns noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das abgelegene Hellental nachzulesen ist.

Die Veröffentlichung des Ortsfamilienbuches fiel in einen ökonomisch wie demografisch schwierigen, teilweise sich zuspitzenden Zeitabschnitt, in dem langfristig u.a. vielen Dörfern eine soziale und kulturelle Verödung und dem Gemeinwesen insgesamt eine weitere so genannte Unterjüngung bevorsteht.

Es ist – nach wie vor - eine Zeit des raschen Wandels mit tiefgreifenden wirtschaftlichen und damit einhergehenden sozialen „Umbrüchen“ und sich verschärfender Verteilungskämpfe. Eine weitere bedeutsame Entwicklung ist zudem, dass der einst natur- und dorfkonform wirtschaftende Bauer zunehmend von Landwirtschaftsunternehmen verdrängt wird.[17]

Sieht man einmal von den da und dort wachsenden Bemühungen des kleinbetrieblichen ökologischen Landbaues ab, so gehört in erschreckend zunehmendem Maße und in absehbarer Zeit der vormals traditionelle Typus des „natur- und dorfkonform wirtschaftenden Bauerns“ der dörflichen Vergangenheit an.

Damit war es auch erforderlich, nachfolgenden Generationen die in unseren vornehmlich agrarisch geprägten Dörfern mit Familiennamen verknüpften Entwicklungen und Strukturen ländlichen Lebens und der traditionellen bäuerlichen Hofwirtschaft verdeutlichen.

Daher war in den historischen Betrachtungen auch über die Phasen und den Wandel der Mensch und Natur bestimmenden Landwirtschaftsgeschichte zu berichten.

 

 

Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

 


[9] ECKSTEIN 1992.

[10] DUDEN 2005; S. 5.

[11] Titel des Festvortrages des Raabeplakette-Trägers Ministerialdirigent Dr. jur. Thomas Sporn (Hannover) am 11.09.2004 in Eschershausen beim „Zukunftsforum – 175 Jahre Wilhelm Raabe“.

[12] Hinsichtlich der Siedlungs- und Stadtgeschichte der benachbarten Stadt Stadtoldendorf, heute Verwaltungssitz der gleichnamigen Samtgemeinde, zu der auch die hier betrachteten Dörfer der Gemeinde Heinade zählen, wird auf die alten Chroniken von EGGELING (1936) und RAULS (1974) sowie insbesondere auf das von PARTISCH verfasste „Urkundenbuch der Stadt Stadtoldendorf“ (2005) verwiesen. Stadtoldendorf feierte in der ersten Jahreshälfte 2005 das 750-jährige Bestehen als Stadt (Verleihung der Stadtrechte).

[13] Leiter der Arbeitsgruppe Familienforschung des Heimat- und Geschichtsvereins für Landkreis und Stadt Holzminden e.V.; zudem Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V.

[14] Kirchenbücher Hellental ab 1756.

Findbuch zum Bestand Ev. luth. Kirchenbücher des ehemaligen Herzogtums Braunschweig 1569-1814 (1 Kb). 1978.

[15] Durch herzogliches Dekret vom 22. Januar 1808 wurde die Führung eines Zivilstandsregisters über Geburten, Heiraten und Sterbefälle (als staatliche Beurkundungsbücher) vorgeschrieben mit vorbehaltlicher Beauftragung der Pastoren.

[16] RAULS 1983, S. 80.

[17] HAUPTMEYER 1995.