Glasmanufaktur Schorborn (1744-1842) im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel

"Fürstlich-Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte" im Solling 

 

Kuppa eines Pokals mit radierter Goldmalerei von Johann Nicolaus Fleischhauer (1732-1803), um 1790 [17]

Initialen "CGA" = Carl Georg August (1766-1806), Erbprinz von Braunschweig-Wolfenbüttel

Sonderausstellung Museum Schloss Wolfenbüttel (2017) [18]

 

Etwa 4 km von Hellental entfernt liegt heute in der Gemeinde Deensen die einst offenbar früh wüstgefallene Siedlung und das spätere Glashüttendorf Schorborn[13] in einem geschützten Tal am Sollingnordrand - an der Quelle des Beverbaches.

Das kleine Sollingtal eignete sich offenbar lokalräumlich besonders gut für die Glasherstellung, so dass Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel dort seine landesherrliche Glasmanufactur - die "Fürstlich Braunschweigisch-Lüneburgische Hohl- und Tafelglashütte" - mit festen Gebäuden unter maßgeblicher Wirkung des "Wolfenbüttelschen Cammer Raths Thomas Ziesich" aufbauen und als staatlich-merkantilistischen "Industriebetrieb" führen ließ.[15][19]

Am 29. Dezember 1743 war der Kammerrat Thomas Ziesich durch Herzog Carl I. beauftragt worden, "zu dem Hüttenbau an der Weser, seinem Vorschlag nach, möglichst Anstalt zu machen, auch die Haushaltung so einzurichten, daß [man] nach Ablauf eines Jahres die Malter-Holz-Consumtion ganz genau wissen könne."

Unter dem Oberinspektor Ziesich wurde die landesherrliche Glasmaufaktur auf dem heute noch bestehenden, aber zwischenzeitlich verkleinerten Dorfplatz errichtet.

1748 übernahm der braunschweigische Hof-Jägermeister Johann Georg v. Langen die Oberinspektion über die Schorborner Glasmaufaktur.

Schließlich wurde die "Grüne Hütte" 1775 nach dem "Pilgrimsgrund" oberhalb des spätmittelalterlichen Bauerndorfes Heinade verlegt.

Der 1756 errichtete Tafel- und Weißhohlglasofen als staatliche Glashütte verblieb in Schorborn; sein Betrieb wurde schließlich 1841 ganz eingestellt.

 

Ehemalige Schleifmühle der Glasmanufaktur, später Mahlmühle am vom Beverbach gespeisten "Schorbornsteich"

 

Die "Schorborn Glas Hütte" im Solling

Ausgehend von der um 1715/1717 im Hellental gegründeten "Steinbeker Glashütte" [1], wurde durch deren Ankauf von Herzog Carl I. (1713-1780) von Braunschweig-Wolfenbüttel 1744 am Schorbornsteich [11] eine fürstliche Hohl- und Tafelglashütte unter landesherrlicher Administration errichtet.

Es war die erste langfristig ortsfeste Glashütte im Solling ("Schorborner Glas").

Die fürstlich-braunschweigische Glasmanufaktur entwickelte sich zum "Konkurrenzunternehmen" zur hannoverschen "Glashütte auf dem Osterwalde", die bereits im Jahr 1701 unter Kurfürst Georg Ludwig (Hannover) von Conrad Werner Wedemeyer (1662-1732), Amtmann zu Lauenstein, gegründet worden war ("Lauensteiner Glas").[4][19]

 

Braune und grüne bocksbeutelähnliche Plattflasche mit Glasmarke

 Frühe Schorborner Produktionszeit, nach Hüttengründung um 1744

(Formsammlung Städtisches Museum Braunschweig)

 

     

Spitzkelch mit Blaurand und Luftblasen im Schaft (Formsammlung Städtisches Museum Braunschweig) sowie  vollständig in blauem Glas hergestelltes Gefäß [2]

 Schorborn, 19. Jahrhundert

 

Die merkantilistische Hüttengründung, zunächst unter fürstlicher Administration, führte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem breiten Produktionsspektrum an weißem Hohlglas, böhmischem Tafelglas und grünem Hohl- und Flachglas.

 

Große Form- und Gestaltungsvielfalt an kostbarem Glas - mit einem Katalog typischer Merkmale [12][17]

  • Pokale, geschliffen und geschnitten (prunkvolle höfische Tafelkultur / hochwertige Abendmahlkelche / Gläser für den kirchlichen Gebrauch)
  • Kelche (Spitz- und Perlenkelche)
  • Bouteillen - Flaschen für den Haushalt und das Gewerbe
  • Gebrauchsgläser (u.a. Blaurandgläser)
  • Gläser mit farbiger Emaille-Bemalung
  • Apparate- und Medizingläser
  • Geschirrgläser

Ökonomisch wesenlich war dabei auch oder gerade der Herstellung von Flachglas (Fensterglas).

Bei breiter Kreativität und hoher Produktivität lieferte die Schorborner Glashütte bedeutende Gläser an den Braunschweiger Hof und trug mit ihrer großen Form- und Gestaltungsvielfalt in der zeiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert wesentlich zur Abdeckung des gewachsenen Glasbedarfs im Fürstentum Braunschweig bei.

 

Filialglashütten ab 1775

Später wurde der wachsende Glasbedarf auch durch Gründungen von Filiationen in der näheren, waldreichen Umgebung im Solling abgedeckt:[2]

  • 1775-1841: Grünglashütte am Pilgrimsteich
  • ab 1783: Weißglashütte in Mühlenberg für Flach- und Apparateglas sowie Medizingläser
  • 1799: Bau der Moorhütte am Mecklenbruch

Die in der Nähe zu Silberborn am Hochmoor Mecklenbruch errichtete Glashütte nimmt um 1800 ihre Glasherstellung auf.

Für den Hüttenbetrieb wurde - alternativ zum traditionellen Buchenholz - ausschließlich lokal gestochener Torf verwendet.

Der kurzzeitige "Befeuerungsversuch" war aber letztlich zum Scheitern verurteilt.

Anhand des archäologischen Fundguts lässt sich die Herstellung von Grün- und Braunglas (Flaschen) sowie von Weißglas (Trinkgläser) nachweisen.

 

"Schorborn Glas Hütte" um 1745 - "Parallelbetrieb" mit der Steinbeker Waldglashütte im Hellental

Schorborn liegt etwa 4 km von Hellental entfernt am Sollingnordrand - an der Quelle des Beverbaches.

Bislang erstmals kartografisch fassbar wird die fürstlich-braunschweigische Glasmanufaktur Schorborn in der Forstkarte "Geometrischer Grundriss Der Merxhäuser-Forst - Wie selbiger in Anno 1745 aufgenommen worden von Ludwig August Müller".

Der nachstehende Ausschnitt aus der Merxhäuser Forstkarte belegt im "Der Erste Haupt Theil" mit den Forstabteilungen IV und V südwestlich von Deensen den Glashüttenstandort durch Gebäudesignaturen und den Namenszug "Schorborn Glas Hütte".[3]

 

 

Zudem dokumentiert der "Geometrische Grundriss Der Merxhäuser-Forst" des Jahres 1745 zugleich auch den "Parallelbetrieb" der um 1715/1717 im Hellental gegründeten Steinbeker Waldglashütte "Hölthal Glas Hütte" und der Schorborner Glashütte im Solling.[3]

 

 

Neben der traditionellen Grünglasproduktion wurde in der Schorborner Glasmanufaktur zugleich auch ein glastechnisches Verfahren entwickelt, wonach farbloses Christallglas hergestellt werden konnte.

Es eignete sich für den feinen Kunstschnitt wie auch zum Kunstschliff.

1744 bis 1748 war der nicht unumstrittene Kammerrat und "Glashütten-Oberinspector" Thomas Ziesich (1686-1761) aus Braunschweig für die Fachkräfteanwerbung, die Entwicklung der Glashüttenanlage wie auch für die "Laborantenunterkünfte" verantwortlich, zuvor für die Hüttenplanung.

Am 07. Oktober 1748 übernahm als Oberinspektor der im Dienst von Herzog Carl I. stehende Hof-Jägermeister Freiherr Johann Georg v. Langen (1699-1776) das staatliche "Hüttenmanagement" der Schorborner Glasmaufaktur, zugleich auch für die fürstlich-braunschweigischen Glasmanufakturen in Holzen und Grünenplan.

Die erste Hüttenverwaltung oblag 1744 bis 1756 Johann Heinrich Nagel.

 

Johann Heinrich Balthasar Sang & Johann Nicolaus Fleischhauer (1732-1803) [12]

Im Fokus eines 2014/2015 durchgeführten Forschungs- und Ausstellungsprojekts zur Schorborner Glasmanufaktur stand das besondere Wirken des Vergolders, Glasschneiders und Glasmalers Johann Nicolaus Fleischhauer, der seit 1776 auf dieser Glashütte tätig war.

Dem hingegen war der Glasschneider Johann Heinrich Balthasar Sang, wenn überhaupt, nur zu Besuch auf der braunschweigischen Manufaktur im Solling.

Gewirkt hat Sang dort allerdings nicht, vielmehr verarbeitete (veredelte) er in Braunschweig "Schorborner Gläser".

 

Schorborn um 1832

Der kolorierte Kartenriss aus dem Jahr 1832 [14] zeigt talseitig in der Ortsmitte die "Neue Glas-Hütte" mit Hüttengebäuden, so u.a. ein Magazingebäude, die "Pottaschen-Hütte" und den Holzhof.

Darüber hinaus ist "Das Herrenhaus" mit der Schule, ein "Pferde-Stall", der Dorfkrug und das zweiteilige "Backhaus" verzeichnet.

Um den Mühlenteich befinden sich Wohnhäuser für Fabrikanten und andere Hüttenbedienstete, zudem Gartenanlagen.

 

Herrenhaus der Schorborner Glasmanufaktur, später "Altes Forsthaus"

 

Hüttenschulmeister

Ab 1735 hatte der in Uslar geborene "Schulmeister in Steinbeke" Johann Anton Drösemeyer auf der "Steinbeker Glashütte" im Hellental unterrichtet.[6]

Von der Waldglashütte im Hellental kommend, unterrichtete der pädagogoisch nicht speziell ausgebildete Johann Anton Drösemeyer ab 1744/1746 auf der fürstlichen Glasmanufaktur am Schorborn.

Das Schulhaus wurde 1746 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Herrenhaus errichtet; 30 Jahre später wurde es baufällig.[10]

Johann Anton Drösemeyer hat zugleich auch das Schorborner Kirchenbuch geführt, wie eine erste Kirchenbucheintragung vom 09. Februar 1746 belegt.[7]

Um 1762 verstarb Drösemeyer in Schorborn.

 

Hellentaler "Holzklafterer" "bei den Glashütten" um 1782

Das Holz-Aufklaftern (amtliches Aufmessen zur Kostenfestellung) für den Glashüttenbetieb erfolgte durch vereidigte Klaftermeister, die von der herzoglichen Kammer (2/3) und dem Hüttenpächter (1/3) anteilig bezahlt wurden.

1782 wird u.a. der "beeydigte Holzklafterer" Christian Friedrich Gehrmann (1747-1801) aus "Hellenthal" benannt [8] - mit einer Vergütung von 1 Reichsthaler und 4 Groschen je Klafter Schnittholz.[9]

 

Steinernes Zeugnis des letzten Hüttenpächters Werner Seebaß (1769-1843)

 

 

Buntsandstein-Grabsäule auf dem Schorborner Friedhof zum Gedenken an Wilhelmine Juliane Friederike Seebaß (geb. Wackerhagen) – am 25. Dezember 1787 geboren in Allersheim, verstorben am 15. Februar 1819 in Schorborn - sowie deren Tochter Henriette Friederike Caroline (1817-1818):

"Hier ruhet

neben der geliebten

Tochter Henriette

die freundliche Hülle

meiner ewig theuren Gattin

Wilhelmine Sebaß

geb. Wackerhagen

geboren den 26sten December

1787

(?) den 15ten Februar

1819"


Wilhelmine Seebaß - Tochter des Amtsrates Christian Friedrich Wackerhagen in Allersheim - war die Ehefrau des Amtsauditors und 1801 zum Kommissar ernannten" Commerzienrath" Friedrich Christian Werner Seebaß (1769-1843), dem letzten Schorborner Hüttenpächter.[5]

 

Schorborn 1896 - mit "Schorborner Glasfabrik V. Remmert" (linker oberer Bildrand) [16]

 

 

Text & Fotografien: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental



Literatur

BLOSS, OTTO: 800 Jahre Schorborn 1150-1950. Bilder aus der Vergangenheit der Gemeinde Schorborn und der Waldglashütten im Solling. Eschershausen 1950.

BLOSS, OTTO: Die älteren Glashütten in Südniedersachsen. Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen. Bd. 9. Hildesheim 1977, S. 116-119.

NÄGELER, WOLFGANG F.: Schorborn mit Schießhaus. Ortsfamilienbuch. Stadtoldendorf 2013.

OHLMS, FRANZ: Die Fürstliche Hohl- und Tafelglashütte am Schorbornsteich (1744-1842). Der Glasfreund. Sonderheft 4. Gifhorn 2006.

OHLMS, FRANZ: Fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Verborgen und verkannt. Die merkantilistische Glasproduktion des Herzogtums Braunschweig. In: Der Glasfreund. 20. Jg. Nr. 55. Mai 2015, S. 20-21.

RAULS, WILHELM: Deensen, Braak und Schorborn. Drei Dörfer vor dem Solling. Holzminden 1983.

VON ROHR, ALHEIDIS: Lauensteiner Glas 1701-1827. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte Niedersachsens. Hannover 1991. S. 174-179, Anlage 3, S. 189-190.

 


[1] WEBER, KLAUS A.E.: Waldglashütten in den Solling-Forsten des Hellentals. Beiträge zur Glashüttengeschichte im Solling vom 12./13. bis 18. Jahrhundert. Teil IV. Glashütten der Frühen Neuzeit im Umfeld des Hellentals - 1. Hälfte 18. Jahrhundert. Sollinger Heimatblätter. Zeitschrift für Geschichte und Kultur. 4/2012, S. 15-24.

[2] Die fürstliche Glasmanufaktur Schorborn. Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Erich-Mäder-Glasmuseum Grünenplan. 17.05.2015 - 01.11.2015.

[3] NStAWb 4 Alt 10 XIV Nr. 2 -  Ausschnitt 3 Karte Bl. 2 Teil 2 (vom NStAWb in diditalisierter Kopie erworben; im MiB-Archiv Hellental bei Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental).

[4] VON ROHR 1991. S. 174.

[5] NÄGLER 2013.

[6] NÄGELER/WEBER 2004; SCHOPPE 1989; LESSMANN 1984; BLOSS 1950, S. 39.

[7] BLOSS 1977, S. 6; BLOSS 1950, S. 27.

[8] NÄGLER 2013; NÄGELER/WEBER 2004; BLOSS 1950, S. 57.

[9] Klafter: historisches Längen-, Raum- und Flächenmaß, wobei das Holzklafter als ein Volumenmaß anzusehen ist mit regional unterschiedlicher Definition; hier vermutlich: 1 Klafter Holz = ca. 6 Raummeter.

[10] OHLMS 2006, S. 13-14.

[11] Schorbornsteich = alter Fischteich, vormals Forellenteich des Klosters Amelungsborn; wie viele andere Nachbarorte war auch der alte Ort Schorborn („Scorenburnen“) im Mittelalter wüst geworden; bei der um 1744 folgenden Neugründung der Siedlung bestand keine Feldmark mehr.

[12] Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Glasmuseum Grünenplan - Wissenschaftliches Fachsymposium am 10. Oktober 2015.

[13] CASEMIR/OHAINSKI 2007, S. 188-189.

[14] NStAWb 4 Alt 4 Nr. 242. Abdruck aus dem Flyer zur Sonderausstellung im Glasmuseum Grünenplan 2015.

[15] Vortrag beim Kulturnachmittag des Heimatpflege- und Kulturvereins Schorborn-Schießhaus am 13. November 2015 in Schorborn: Die Waldglashütten im Nordsolling, Referent: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

[16] Originalfotografie ("Foto-Liebert", Holzminden) aus der Privatsammlung von Barbara Mickein, Hellental, bearbeitet von Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental. Vergl. NÄGELER, WOLFGANG F.: Schorborn mit Schießhaus. Ortsfamilienbuch. Stadtoldendorf 2013.

[17] Sonderausstellung "Kostbarkeiten aus Sand und Asche - entstanden im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel", Museum Schloss Wolfenbüttel, 11. März - 02. Juli 2017. Täglicher Anzeiger Holzminden vom 20. März 2017, S. 15.

[18] KRAMER 2017a, S. 16-21.

[19] LEIBER 2017, S. 61-70.