Ortschronistische "Werkstatt"

Dorfregion 2.0: Heinade ⎸Hellental ⎸Merxhausen

Als "Work in progress" soll die auf der 2017 neu editierten Website des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen aufgenommene Online-Chronik 2.0 im Wesentlichen

  • historische Betrachtungen, ortgeschichtliche wie kulturhistorische und naturkundliche Beiträge in einem zeitgmäß modernen Format allgemein zugänglich gestalten,
  • die in der Dorfregion eingeleitete „Spurensuche“ mit Updates fortsetzen und dabei je nach Stand der historischen (archivalischen) und archäologischen Erkenntnisse und deren Interpretation die dargestellten historischen Betrachtungen und ortsgeschichtlichen Beiträge fortlaufend neu bewerten, überarbeiten und vervollständigen,
  • die Dorfregion der Siedlungen Heinade mit Pilgrim, Hellental und Merxhausen mit ihrer bewegten Geschichte darstellen und würdigen – und dabei regional- und ortsgeschichtlich vom Leben und Arbeiten zwischen Solling und Holzberg, von Bauern, Tagelöhnern, Glasmachern, Leinenwebern, Waldarbeitern und anderen Landhandwerkern der nordöstlichen Sollingrandregion berichten.


Armer Leute schlichtes und rechtes Denken und Handeln nachzulesen,

ist unseren hastenden Menschen vielleicht ganz heilsam,

zum mindesten schadet es keiner Seele.

Hanshenderk Solljer, Herbst 1922


In den Naturräumen des nördlichen Sollings und der anschließenden hügeligen Landschaft des Holz- und Heukenberges mit den Talsenken um Heinade und Merxhausen sowie in Pilgrim und im Hellental vollzog sich ein beispielhaftes Wechselspiel zwischen der durch Menschenhand veränderten Natur und Landschaft und den sich lokal auswirkenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen während des ausgehenden Spätmittelalters, der frühen Neuzeit und des neuzeitlichen Aufbruchs zur Industrialisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Das folgende 19. Jahrhundert gilt als die eigentliche Epoche der Industrialisierung.

Die Bedeutung der zuvor bestehenden, alten landwirtschaftlichen Ordnung wird ebenso skizziert wie deren Aufhebung durch die Agrarreformen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Zudem gilt es die zahlreichen Einwanderungen, vor allem aber die erheblichen Auswanderungen im 18./19. Jahrhundert (Aufbruch in die „Neue Welt“ – das "Americafieber") und deren politische wie soziale Dimension im demografischen Wandel zu skizzieren.

Hierbei wird deutlich, dass Migration und „demografischer Wandel“ nicht nur besonders zentrale (wieder entdeckte) Themen der Gegenwart sind, sondern vielmehr bereits auch welche in der Vergangenheit waren.

Bei den differenzierten Betrachtungen zu den Landleuten zwischen Nordsolling und „Holtzberg“ können auch künftig nicht alle Aspekte der Siedlungs-, Wirtschafts- und Gewerbe-, Sozial- und allgemeinen Dorfgeschichte von Heinade, Hellental und Merxhausen aufgegriffen werden.

Die ländlichen, agrarischen wie nicht-agrarischen Einkommensstrukturen erlangten in der frühen Neuzeit zunehmend an Bedeutung.

Sie werden daher in ihren Grundzügen gegenübergestellt.

Wirtschafts- bzw. gewerbegeschichtlichen Aspekten wird insbesondere auch deshalb nachgegangen, da in unserer Zeit der klassischen Erwerbsarbeit nicht mehr die Bedeutung zukommt, die sie früher einmal innehatte. Erwerbsarbeit gilt heute nicht mehr als alleinig Sinn stiftend.

Mit einiger Berechtigung kann heute angenommen werden, dass mehr oder minder auch die „kleinen Landleute“ zwischen dem nördlichen "Sölling" und dem Holzberg in die regelmäßigen, wellenförmigen Veränderungen, in den konjunkturellen Auf- und Abwärtsbewegungen des überregionalen bis hin europäischen Wirtschaftsgeschehens, eingebettet waren.[11]

So vielgestaltig die historische Kulturlandschaft dieser Kleinregion ist, so mannigfach ist auch ihre jahrhundertealte Geschichte, die im Wesentlichen vom Verlauf der Agrarkonjunktur abhängig war.

Dabei kennzeichnete während des Mittelalters wie auch in der frühen Neuzeit insbesondere schwere landwirtschaftliche Krisen und anhaltende Agrardepressionen mit Hungerjahren das bäuerliche Leben und Arbeiten.

Die Dorfregion um Heinade mit der Sollingsiedlung Pilgrim, Hellental und Merxhausen sollte als eigener Sozialraum betrachteten werden, bis heute gekennzeichnet vom sozialen Miteinander - und auch Gegeneinander.

Aus der heutigen Position des beginnenden 21. Jahrhunderts zurückblickend, mag vordergründig bisweilen das Dorf als eine festgefügte Gemeinschaft weitgehend sozial gleichgestellter Personen erscheinen.

Dieser zu einfachen wie vereinfachenden Annahme war im Kontext der historischen Betrachtung auch anhand veröffentlichter Personendaten zu widersprechen.

 

 

"Grundsätzlich müsse man sich klarmachen, dass gerade in mündlichen Gesellschaften wie dem Mittelalter die Vergangenheit nicht unbedingt so überliefert wurde, wie sie sich zugetragen hatte."[10]

Heinade und Merxhausen können als spätmittelalterliche, agrarische Dorfansiedlungen angesehen werden.

In diesem Kontext wird auf das im Jahr 2010 veröffentlichte, umfassende Standardwerk zum Mittelalter in der Sollingregion von STEPHAN verwiesen. [9]

Während Heinade und Merxhausen mittelalterliche Bauerndörfer des hier betrachteten südniedersächsischen Berglandes sind, kann das Hellental mit seiner späten, erst neuzeitlichen Besiedlung hingegen eher als vorindustrielle „Gewerbelandschaft“ angesprochen werden, ebenso auch die kleine Sollingsiedlung Pilgrim im Hinblick auf ihre Glasgeschichte.

Die wichtigste Einnahmequelle der Landleute der beiden nördlichen Sollingranddörfer Heinade und Merxhausen war ehemals die Landwirtschaft. Heute sind die Folgen der modernen Mechanisierung und Spezialisierung in der Landwirtschaft allgegenwärtig.

So spielt die ehemals bedeutende Landwirtschaft in den hier betrachteten Dörfern eine immer mehr nachlassende Nebenrolle.

Inzwischen entwickelten sich Heinade, Hellental und Merxhausen vornehmlich zu Wohn-Pendler-Orten mit Freizeit- und Feierabendgemeinschaften.

Neben einer orientierenden Skizze zum traditionellen bäuerlichen Landleben sollte unter gewerbegeschichtlichen Aspekten gerade auch der facettenreiche teils legale, teils illegale Nebenerwerb durch ländliches Handwerk und Gewerbe - die Landleute als nichtzünftige „Pfuscher“ am Solling und Holzberg - mit einer angemessenen Betrachtung bedacht werden.

Während der frühen Neuzeit teilte sich die Landbevölkerung in „Vollbauern“ und „unterbäuerliche Schichten“ auf, die sich charakterisierend für diese Epoche stetig vergrößerte.

Angehörige jener „unterbäuerlichen Schichten“ waren typischerweise Kleinbauern ohne ausreichend großes Land für ihre ausschließlich agrarische Subsistenz, aber auch alleinige Hausbesitzer sowie land- und hausbesitzlose Familien.

Sie konnten sich nicht alleine auf landwirtschaftlicher Grundlage bedarfsgerecht ernähren.

Eine minimale Acker- oder Viehwirtschaft, nichtzünftiges ländliches Handwerk, hausgewerbliche Tätigkeiten sowie Lohnarbeit dienten, wie in Hellental, als Lebensgrundlage.

Zeittypisch für Hellental, wie auch für andere Sollingdörfer, war, dass der Lebensunterhalt der meisten Familien nur durch Erwerbsarbeit verdient oder ergänzt werden konnte; Lebensmittel mussten gekauft oder zumindest zugekauft werden.

Archäologische Spuren in Form steinerner Hinterlassenschaften prähistorischer Menschen weisen heute darauf hin, dass wahrscheinlich bereits vor 7.500–10.000 Jahren - während der Mittelsteinzeit (Mesolithikum), der Übergangsphase zwischen Alt- und Jungsteinzeit - zwischen dem Dassler Becken und dem Stadtoldendorfer Raum, aber auch im Verlauf des Hellentales nomadisierende Menschen als Rentierjäger aktiv gewesen sind.

Hierzu kann auf prähistorische Funde in der Nähe von Heinade und Merxhausen sowie im Hellental verwiesen werden.

Zudem bedeutet der Einzelfund eines schlichten Absatzbeils aus Kupferlegierung, dass sich auch während der älteren Bronzezeit (um 1.600 v. Chr.) Menschen in diesem nördlichen Sollingrandgebiet aufgehalten haben.

Anzumerken ist, dass in der verfügbaren Literatur nur gleichsam fragmentarisch nebeneinander stehende, themenspezifische Abhandlungen und Betrachtungen zu unterschiedlichen Einzelaspekten über die Dorfregion Heinade mit Pilgrim, Hellental und Merxhausen und zu ihrer spätmittelalterlichen, im Falle von Hellental und Pilgrim relativ jungen, neuzeitlichen Geschichte, zu finden sind.

Hingegen fehlte bislang eine umfassende, inhaltlich bündelnde Zusammenschau dessen, was die drei Dörfer heimat- und naturkundlich wie auch vornehmlich ortsgeschichtlich auszeichnet.

Für zahlreiche Ortschaften im Landkreis Holzminden wurden bereits Höfe-, Häuser- oder Dorfchroniken erstellt; zudem liegen auch umfängliche Register und Chroniken mit überwiegend familienkundlichem Bezug vor.

Auf die Ortsfamilienbücher von Nachbargemeinden wird daher verwiesen.[2]

 

„Die Zukunft beginnt in der Vergangenheit“[3]

Die digitale Ortschronik 2.0 umfasst einen orientierenden historischen Rückblick auf das eng mit den jeweiligen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen und nachfolgenden Veränderungen verquickte Schicksal der Menschen in der Dorfregion innerhalb des alten Weserdistrikts im ehemaligen Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel - im alten Land Braunschweig - vorangestellt.[4]

Hierbei soll aus dem Blickwinkel unseres modernen Zeitalters gleichsam von unten der „Geschichte vor Ort“ nachgegangen und zugleich der Dorfgeschichte personenbezogen Namen gegeben werden.

Tiefreichende Veränderungen der ländlichen Lebensbedingungen und damit verbunden auch des dörflichen Siedlungsbildes waren durch die demografischen, politischen und ökonomischen Entwicklungen vom 16.-19. Jahrhundert ausgelöst worden.

Angereichert mit alltagsgeschichtlichen Darstellungen werden historische „Skizzen“ von für Heinade, Hellental und Merxhausen wesentlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozessen der Epochen zwischen 1648-1926 vorangestellt.

Die mehrjährigen historischen Auseinandersetzungen mit der in das überregionale Geschehen, insbesondere aber in die „Geschichtslandschaft Weserbergland“ eingebetteten Dorfgeschichte lässt - frei nach Wilhelm Raabe (1831-1910) – deutlich erkennen:[5]

"Im engsten Ringe – weltweite Dinge".

 

Die Landschaft formte die Arbeit der Menschen - Die Menschen formten die Landschaft

Die aufkommenden, vielfältigen ländlichen Nebentätigkeiten der hier betrachteten Dorfbewohner orientierten sich an der seit Jahrhunderten vorherrschenden Landwirtschaft und etwa ab dem 18. Jahrhundert maßgeblich auch an den zwischen Solling und Holzberg vorgefundenen, anderen natürlichen Ressourcen, wie u.a. Holz, Wasser, Sand und Buntsandstein.

Neben dem traditionellen bäuerlichen Haupterwerb nahm hierbei in den Dörfern das facettenreiche Landgewerbe allmählich mit staatlicher Förderung an Umfang und wirtschaftlicher Bedeutung zu, wie insbesondere an der frühneuzeitlichen Dorfentstehung und -geschichte von Hellental anschaulich dokumentiert werden kann.

In den drei Dörfern kam dem Heimgewerbe, allen voran dem ergiebigen, exportorientierten Garnspinnen und Leinenweben, eine hervorgehobene wirtschaftliche und damit verbunden auch eine besondere soziale Bedeutung im Siedlungsraum zwischen dem nördlichen Sollingrand und dem Holzberg zu, aber auch dem Arbeiten in Glashütten, Hämmern, Kalköfen und in den Solling-Steinbrüchen.

Das im Hellental – dem „Alten Tal der Glasmacher“ - seit dem Hoch- bis Spätmittelalter beheimatete Glashüttenwesen erhält dabei in den historischen Betrachtungen einen eigenen Schwerpunkt, nicht zuletzt auf Grund der hier in den letzten Jahren allmählich vorangeschrittenen archäologischen Untersuchungen und der neueren historischen Entdeckungen.

Die in den hier betrachteten Dörfern lebenden und arbeitenden Familien schufen in den zurückliegenden Jahrhunderten wichtige Grundlagen und buchstäblich „Bausteine” zu unserem heutigen Lebensstandard und Lebensgefühl in den spätmittelalterlichen Bauerndörfern Heinade und Merxhausen sowie im entlegenen Waldwinkel Hellental.

Lange Zeit galt insbesondere das Arbeiterdorf Hellental als eines der abgelegenen Armenhäuser des ehemaligen Weserdistrikts im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel.

 

Nicht nur ein Rückblick

Mit dem Ortsfamilienbuch für das Kirchspiel Heinade, beginnend um 1648, erschien nach mehrjähriger Vorarbeit im Juni 2005 der zweite Band der Dorf-Schriftenreihe des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V.[6]

War über weite Strecken die alte Heimat- und Dorfgeschichte, wenn überhaupt, bislang nur unzulänglich aufgearbeitet, so wurde durch das Werk ein erstes Schließen historischer Lücken vorgenommen.

Das Ortsfamilienbuch für Heinade, Hellental und Merxhausen verband und verbindet noch heute regional- und lokalgeschichtliches, heimat- und familienkundliches Interesse zugleich.

Es sollte allen orts- wie familiengeschichtlich Interessierten und genealogisch wie sozialhistorisch Forschenden gezielt Auskunft über die vom Spätmittelalter bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts in der Dorfregion lebenden und arbeitenden Einwohner und Familien sowie über ihre zahlreichen Angehörigen geben - in der wechselhaften, oft auch leidvollen Zeit in und nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), des deutschen Aufbruchs zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der Zeit um und nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918).

Die Geschehnisse im Vorfeld und während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) bedüfen noch der Aufarbeitung, ebenso die "Nachkriegszeit".

 

Früher waren „die Zeiten weder besser noch die Menschen christlicher“[7]

Rückblickend gilt das alte bäuerliche (vorindustrielle) Dorf als ein Bereich des Friedens, der Nachbarschaft und der guten Wirtschaft.[8].

Ausblickend gibt HAUPTMEYER 1995 kritisch zu bedenken:

„Die in der gesamten Industrialisierungsphase seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schon arg bebeutelte und nach städtisch-romantischen Mustern folklorisierte dörfliche Kultur stirbt nun völlig ab und wird endgültig zum musealen Restgut.

Traditionen lassen sich kaum mehr weiter tragen, weil die Zahl der Menschen, denen etwas tradiert werden könnte, immer kleiner wird.“

Hierbei drängt sich aktuell eine Vielzahl grundsätzlicher Fragen auf, wie beispielsweise:

  • Welche Zukunft werden die heutigen Dörfer haben, insbesondere jene, die in der peripheren Region liegen?
  • Wer bewohnt heute und künftig noch das Dorf als solches?
  • Was wäre zu tun, um die dörfliche, heute nur noch mit Relikten einst vielfältiger Funktionsangebote ausgestattete Infrastruktur wieder herzustellen?
  • Ist das Dorf inzwischen eine in sich langsam, aber stetig zerfallende Welt – und muss dieser Zerfallsprozess zwingend so akzeptiert werden?
  • Haben wir in den Dörfern noch soziokulturelle Restwerte, die es zu bewahren oder gar zukunftsweisend zu reaktivieren gilt?
  • Was war positiv und was war negativ am alten Dorf?
  • Was sind die biografisch gewachsenen Interessen früherer und heutiger Dorfbewohner?
  • Was kann aus der Dorfgeschichte für die Gestaltung unserer Zukunft abgeleitet werden?

 

Dorfgeschichte(n) zwischen Solling & Holzberg

Wie der südniedersächsische Landkreis Holzminden, so liegen auch die Dörfer Heinade mit der Siedlung Pilgrim im Solling, Hellental und Merxhausen naturräumlich inmitten des schönen, landschaftlich vielgestaltigen Weser-Leine-Berglandes, zwischen dem romantischen Höhenzug des nördlichen Sollings und dem imposanten Holzberg - mit der ehemaligen Telegrafenstation № 27 der "Königlich Preußischen Optischen Telegraphielinie Berlin-Coeln-Coblenz".

 

Der „ansehliche“ Holzberg [1] - mit mittelalterlichen Wölbäckern & ehemaliger Preußischer Telegrafenstation

 

Die hier lebenden und arbeitenden Menschen schufen über viele Generationen hinweg eine eindrucksvolle historische Kulturlandschaft, die sie vor allem bäuerlich geprägten.

Die Gemeinde Heinade weist in ihren drei Ortsteilen und mittelalterlichen Ortswüstungen eine recht unterschiedliche, teilweise auch gemeinsame dorfgeschichtliche Entwicklung auf.

Die Dörfer Heinade, Hellental und Merxhausen, ehemals selbständige Landgemeinden, zählen seit Anfang der 1970er Jahre als Ortsteile zur Gemeinde Heinade, die ihrerseits Mitgliedsgemeinde der Samtgemeinde Stadtoldendorf im Landkreis Holzminden ist. 

Eingebettet zwischen den nördlichen Ausläufern des Mittelgebirges Solling und dem markanten Holzberg gehörte der entlegene Sozial- und Grenzraum seit dem Spätmittelalter zum Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel.

Aber erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, also nach 1648, war der alte Weserdistrikt stärker in das Blickfeld der Zentralverwaltung des Landes Braunschweig getreten.

Ehemals zum alten Land Braunschweig gehörend, waren auch die Dörfer eingebettet in dessen wechselvolle Geschichte - unter den braunschweigischen Landesfarben „blau-gelb“.

Die während des späten Mittelalters in den Kleindörfern Heinade und Merxhausen geschaffenen dörflichen Verhältnisse dürften sich bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur recht wenig verändert haben, einmal abgesehen vom aufkommenden Landhandwerk und der steuerlichen Belastung.

Ein mehr oder minder enges dörfliches Zusammengehörigkeitsgefühl sowie eine lokal organisch gewachsene, langlebige Identität, besonderes aber das ausgeprägte „Einheitsbewusstsein” bestimmen noch heute gelegentlich das unterschiedlich entwickelte Gemeinwesen von Heinade mit der Siedlung Pilgrim, Hellental und Merxhausen - trotz oder gerade wegen des engen Netzes durchgreifender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen in der jeweiligen, mehr oder minder langen Ortsgeschichte. 

Dabei ergaben historische Untersuchungen aber auch, dass eine Korrektur an dem einen oder anderen tradierten Meinungsbild erforderlich ist, so beispielsweise an der noch verbreiteten Auffassung, die Menschen hätten früher stets in bester Nachbarschaft miteinander gelebt und gearbeitet, wie auch die Dörfer untereinander.

Die Beiträge der Unterkategorien zielen auch darauf ab, einerseits das Verständnis und die Begeisterung für die Besonderheit der teilweise noch weitgehend historisch erhaltenen Dorfanlagen zu fördern, andererseits im Zeitalter eines enormen demografischen Wandels und einer wirtschaftlichen „Globalisierung” das persönliche Interesse an der, vielleicht auch eigenen, regionalen, lokalen und familiären Vergangenheit sowie an den langen verwandtschaftlichen Beziehungen in den Dörfern und darüber hinaus zu wecken. 

Dargestellt werden die vielfach problematischen Lebens-, Wohn- und Arbeitsbedingungen in der eher abgeschiedenen nordöstlichen Sollingrandregion.

Dabei wird schwerpunktmäßig ein historischer Zeitraum skizziert, in dem die Menschen der Region ihre Existenz vornehmlich durch körperliche Aktivität sicherten. 

Die historischen Betrachtungen und ortsgeschichtlichen Beiträge verfolgen nicht das Ziel, ein geschlossenes ortschronistisches Geschichtsbild der betrachteten Dörfer zu entwerfen.

 

 

Heinade und Merxhausen sind spätmittelalterlich entstandene Bauerndörfer zwischen dem nördlichen Sollingrand und dem Holzberg, ehemals gelegen an der östlichen Landesgrenze des alten Weserdistrikts im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel.

Mittelsteinzeitliche (mesolithische) und bronzezeitliche Funde in der Gemarkung Heinade und Merxhausen deuten darauf hin, dass in dem Raum zwischen Dassel und Stadtoldendorf bereits früh in vorgeschichtlicher Zeit menschliche Aktivitäten bestanden haben.

Bodenfunde im Hellental, die in das Mesolithikum zu datieren sind, weisen auf prähistorische menschliche Aktivitäten auch in dem angrenzenden Sollingtal hin.

Hervorzuheben ist der nordwestlich von Merxhausen liegende jüdische Friedhof des 19. Jahrhunderts.

Im Gegensatz zu den benachbarten spätmittelalterlichen Bauerndörfern entstand das Bergdorf Hellental erst Anfang der 1750er Jahren, im Rahmen des herzogliches Landausbaus hervorgegangen aus einer ehemaligen Waldglashütte mit ortsfester Werkssiedlung.

In einem für die Glasherstellung topografisch günstigen Seitental des nördlichen Hellentals wurde sie von zugewanderten Glasmachern zu Beginn des 18. Jahrhunderts gegründet.

Nach gut zwei Jahrzehnten Betriebszeit wurde die neuzeitliche Glashüttenanlage für immer stillgelegt.

 

 

Fotografien & Text: Dr. Klaus A.E. Weber, Hellental

Luftbildaufnahmen: „Die Eule“, Zeitung in Einbeck - mit freundlicher Genehmigung 2016.

 


[1] seit 1991 Naturschutzgebiet HA 150 "Holzbergwiesen" mit einer Fläche von rund 375 Hektar.

[2] u.a. NÄGELER, WOLFGANG F.: Ortsfamilienbuch Braak. 1722-1900.

[3] nach HÄNDELER 2005.

[4] Auf Grund ihrer historischen Zugehörigkeit zum Herzogtum Braunschweig und des Zuschnitts der Bezirksreform von 1978 zählen Heinade, Hellental, Merxhausen und Denkiehausen zum Archivsprengel Wolfenbüttel (→ Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel (NStAWb)).

[5] Titel des Festvortrages des Raabeplakette-Trägers Ministerialdirigent Dr. jur. Thomas Sporn (Hannover) am 11.09.2004 in Eschershausen beim „Zukunftsforum – 175 Jahre Wilhelm Raabe“.

[6] Beim 8. „Hellentaler Weihnachtsmarkt” am 2. Advent 2003 konnte die 1. Auflage des Ortsfamilienbuches „Hellental: Geschichte und Einwohner von 1717 bis 1903” erstmals öffentlich von den beiden Autoren Wolfgang F. Nägeler und Dr. Klaus A. E. Weber interessierten, auch ehemaligen Dorfbewohnern und Besuchern des traditionellen Weihnachtsmarktes vorgestellt werden. Bereits am 09. Dezember 2003 erfolgte, auf Einladung des Samtgemeindedirektors Dietmar Rauls, anlässlich einer öffentlichen Ratssitzung des Samtgemeinderates Stadtoldendorf im „Landgasthaus Lönskrug” in Hellental eine Präsentation des Ortsfamilienbuches im kommunalpolitischen Raum. Da die 1. Auflage, bei ungeahnt großer Nachfrage, überraschend schnell vergriffen war, wurde kurzfristig eine 2. Auflage im Januar 2004 erforderlich, deren Präsentation am 30. Januar 2004 bei der Jahreshauptversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V. im Dorfgemeinschaftshaus von Merxhausen erfolgte.

[7] nach HÄNDELER 2005.

[8] HAUPTMEYER 2004, S. 90.

[9] STEPHAN, HANS-GEORG (Hg.): Der Solling im Mittelalter. Archäologie - Landschaft - Geschichte im Weser- und Leinebergland.

[10] SCHUBERT 2015.

[11] HÄNDELER 2005.

 


 

Nutzungshinweise

  • Glossar: Um im Text häufig verwendete historische Begriffe stichwortartig zu erläutern, ist ein Glossar - ein Stichwörterverzeichnis mit Worterklärungen eingefügt, einschl. alter Orts- und Flurbezeichnungen sowie alter Maßeinheiten und Münzen in Unterkategorien.
  • Ortsnamen: Lexikalische Angaben bei CASEMIR/OHAINSKI 2007.
  • Zeittafel: Zur kurzgefassten historischen Übersicht ist eine Zeittafel erstellt, die als Kalendarium die drei Dörfer im Spiegel der Geschichte vom Spätmittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts präsentiert.